Evolution und der Zauber der Wirklichkeit 9

Frühstücksrunde am Sonntagvormittag

Am Sonntag, den 28. April 2019 um 10:00 Uhr im Naturfreundehaus Mörfelden-Walldorf, Seminarraum 1. Etage

Die Intelligenz der Pflanzen

Leben ohne sie: ein Ding der Unmöglichkeit

Wenn die Pflanzen morgen von der Erde verschwinden würden, wäre in wenigen Wochen, allerhöchstens Monaten alles menschliche Leben erloschen, und in kürzester Zeit gäbe es keine höher entwickelten tierischen Lebensformen mehr auf unserem Planeten. Würde der Mensch dagegen von der Erde verschwinden, hätten die Pflanzen in nur wenigen Jahren alles zurückerobert, was wir ihnen entrissen haben, und sämtliche Spuren menschlicher Zivilisation wären in kaum hundert Jahren überwuchert. Das sollte eigentlich genügen, um das biologische Kräfteverhältnis zwischen Pflanze und Mensch zurechtzurücken.

Man kann es auch so ausdrücken: In der Biologie leben wir noch immer im aristotelisch-ptolemäischen Zeitalter. Vor der kopernikanischen Wende dachten die Menschen, die Erde sei der Mittelpunkt des Universums und alle Himmelskörper kreisten um sie. Nachdem Galileo Galilei dieses anthropozentrische Weltbild mit Mühe entthront hatte, dauerte es noch Jahrhunderte, bis es endgültig aus den Köpfen verschwand. Die Biologie, so kann man sagen, ist dem vorkopernikansichen Denken weiter verhaftet. Sie glaubt, der Mensch sei das wichtigste Lebewesen, um das sich alles dreht. Weil der Mensch sich über alles erhoben hat, hält sie ihn für den absoluten Herrscher über die Natur. Zugegeben, ein gleichermaßen faszinierender wie tröstlicher Gedanke. Doch leider stimmt er nicht. Unsere Lage ist nämlich bei Weitem nicht so glorreich. Das Pflanzenreich stellt sage und schreibe 99,5 Prozent der gesamten Biomasse auf der Erde; das heißt, wenn man das Gewicht aller Lebewesen auf der Erde mit 100 ansetzt, entfallen je nach Annahme, zwischen 99,5 und 99,9 Prozent auf die Pflanzen. Anders gesagt, der Anteil tierischer Lebensformen – einschließlich des Menschen – beträgt verschwindende 0,1 bis 0,5 Prozent.

Der Mensch hat wahrlich sein Bestes gegeben, um möglichst viele Wälder zu roden, doch die Pflanzen bleiben die unumstrittenen Könige unter den Lebewesen. Zum Glück, denn nur darum ist Leben auf der Erde überhaupt noch möglich.

Wie jeder weiß, stehen die Pflanzen am Anfang der Nahrungskette. Alles, was wir essen, auch Fleisch oder Fisch, ist entweder pflanzlicher Natur oder ernährt sich von Pflanzen.

Nun sollte man meinen, der Mensch mache bei seiner Ernährung wenigstens reichlich Gebrauch von der pflanzlichen Vielfalt, doch auch das ist nicht der Fall. Den größten Teil unserer Kalorien beziehen wir aus nur sechs Pflanzen. Die Ernährungsgrundlage beinahe der gesamten Menschheit bilden Zuckerrohr, Mais, Reis, Weizen, Kartoffeln, Soja und wenige andere Pflanzen. Sie sind unsere Nutzpflanzen und damit ganz besondere Lebewesen. Mit der Kultivierung von Pflanzen ist es ein wenig wie mit der Aufzucht von Tieren. Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, warum sich unsere fleischliche Nahrung fast ausschließlich auf Rind, Huhn und Schwein beschränkt und warum keine einzige Kultur mit Vorliebe Löwe, Gnu, Wolf, Bär oder Schlangen verzehrt? Deren Fleisch ist genauso genießbar wie das von Kühen oder Hühnern. Warum also? Ganz einfach: Unsere Nutztiere lassen sich leichter aufziehen. Bär mag gut schmecken, doch seine Aufzucht gestaltet sich schwierig. Ebenso eignen sich nicht alle Pflanzen für die intensive Landwirtschaft. Auch wenn es viele essbare Pflanzen gibt, lassen sich die meisten nicht industriell anbauen, weil sie sich nicht entsprechend entwickelt haben. Es sind Wildpflanzen, ebenso wie Tiger und Bär Wildtiere sind. Der Hund dagegen hat sich sogar als neue Art aus dem Wolf entwickelt, weil er gemerkt hat, dass es sich als Begleiter des Menschen bequemer und einfacher leben ließ als in der freien Wildbahn. Im Lauf der Evolution hat sich so eine ideale Partnerschaft herausgebildet, von der beide profitieren: Während der Mensch den Hund füttert und versorgt, schützt dieser ihn und leistet ihm Gesellschaft. Einige Pflanzen haben auf ähnliche Evolutionsstrategien gesetzt: Sie nähren den Menschen und er schützt sie daher vor Schädlingen, hegt und pflegt sie und verbreitet vor allem ihre Samen bis in den letzten Winkel der Erde.

Doch nicht nur, was die Nahrungskette betrifft, sind wir von Pflanzen abhängig. Gleiches gilt auch für den Sauerstoff. Bekanntlich erzeugen Pflanzen den Sauerstoff, den wir zum Atmen brauchen. Schon weniger bewusst ist vielen vielleicht, dass auch ein Großteil unserer Energieressourcen von Pflanzen stammt und dass wir die Energiequellen, die wir seit Jahrtausenden nutzen, den Pflanzen verdanken.

Betrachten wir die Energieressourcen auf unserer Erde doch einmal näher: Zuallererst wurden sie in Pflanzen gespeichert, weil diese Sonnenenergie in chemische Energie verwandeln. Dank der wundersamen Photosynthese können Pflanzen Sonnenlicht und Kohlendioxid aus der Luft in Zucker umformen, in ein höchst energiehaltiges Molekül also – wie jeder weiß, der schon einmal kalorienarme Kost zu sich nehmen musste. Das war der erste grundlegende Schritt – aus dem dann durch weitere die Energiequellen entstanden, die wir heute nutzen: seien es Holz oder Kohle, Erdöl oder andere fossile Brennstoffe.

„Die Pflanzen“, schrieb Anfang des vergangenen Jahrhunderts der russische Botaniker Kliment Timiryazev (1843 – 1920), „sind das Verbindungsglied zwischen Erde und Sonne“. Und er hatte Recht, denn der Mensch verdankt ihnen beinahe alle seine Energiequellen.

Fossile Brennstoffe wie Kohle, Kohlenwasserstoff, Öl oder Gas sind im Grunde nichts anderes als unterirdisch gespeicherte Sonnenenergie, die pflanzliche Organismen während verschiedener geologischer Zeitalter durch Fotosynthese in der Biosphäre fixiert haben. Von wegen Mineralstoffe, wie manche noch immer behaupten! Fossile Energiequellen sind in Wahrheit organische Ablagerungen!

Wir sind also nicht nur in Punkto Sauerstoff und Nahrung vom Pflanzenreich abhängig, sondern auch in einem weiteren wichtigen Punkt: unserer Energie. Allein deshalb müssen wir eigentlich alles, was grünt und blüht, vergöttern. Aber es geht noch weiter, denn nehmen wir unsere Medikamente: Beinahe alle unsere Arzneimittel wurden aus pflanzlichen Molekülen gewonnen oder nach deren Vorlage synthetisch nachgebildet.

Pflanzen sind aus der Medizin nicht wegzudenken – und das gilt für alle Kulturen weltweit, ob Ost oder West, Industrie oder Entwicklungsländer. Doch Pflanzen entfalten ihre wohltuende Wirkung auf den Menschen nicht nur indirekt, als Arzneimittel. Vielfach wirkt schon die Gegenwart von Pflanzen unmittelbar positiv auf unser psychophysisches Befinden.

Dass wir Nutznießer der Pflanzen sind, weil sie Sauerstoff produzieren, Kohlendioxid und Schadstoffe absorbieren und somit einer weiteren Erderwärmung entgegenwirken, ist heute Allgemeingut. Dass sie unser Wohlbefinden aber noch auf andere Art und Weise beeinflussen, zeigen jetzt neue, eindrucksvolle Forschungsergebnisse. Pflanzen können durch ihre Gegenwart Stress mindern, die Konzentrationsfähigkeit erhöhen und zu einer schnelleren Genesung beitragen.

Allein der Anblick einer Pflanze wirkt entspannend, wie entsprechende Messungen von physiologischen Parametern zeigen. Krankenhauspatienten, die aus ihren Zimmern ins Grüne blicken, benötigen weniger Schmerzmittel und können früher entlassen werden als Patienten in Zimmern, die nur Aussicht auf Gebäude und Asphalt bieten. Bei Krankenhausneubauten in Nordeuropa plant man heute deshalb, vor allem aus wirtschaftlichen Gründen, ausreichend Platz für Pflanzen ein. Manchmal können Patienten sogar auf einer ganzen Etage im Grünen wandeln.

In den letzten Jahren haben sich zahlreiche Studien mit der Wirkung von Grünpflanzen auf Kinder und Jugendliche beschäftigt. Die ersten Ergebnisse dieser Untersuchungen sind, vorsichtig formuliert, signifikant.

Eine Forschergruppe ließ beispielsweise Studenten einer amerikanischen Universität bestimmte Prüfungen in ihren Studentenzimmern absolvieren.

Studenten, die von ihrem Zimmer aus ins Grüne schauten, zeigten bei der Prüfung, die ihnen eine gewisse Konzentration abverlangte, wesentlich bessere Ergebnisse. Wer bei der Prüfung dagegen auf Beton blickte, löste die Aufgabe bedeutend schlechter.

Wie mehrere Versuche in Florenz belegen, ist die Verbesserung der Konzentrationsleistung bei Grundschülern sogar noch offenkundiger. Studien zeigen außerdem, dass es in Alleen weniger Autounfälle und in Wohnvierteln mit viel Grün weniger Selbstmorde und Kriminalität gibt. Pflanzen wirken sich demnach zweifelsfrei positiv auf unsere Stimmung, unsere Konzentration, auf Lernerfolg und allgemeines Wohlbefinden aus.

Pflanzen scheinen daher auch bei längeren Weltraummissionen unverzichtbar, nicht nur als Nahrungsmittel, sondern auch, weil ihr Anblick beruhigt.

Bisher weiß man noch wenig darüber, warum Pflanzen das psychophysische Wohlbefinden von Menschen steigern. Die Gründe liegen wahrscheinlich in unserer Vergangenheit, in unserem instinktiven Wissen, dass unsere Gattung ohne Pflanzen nicht lebensfähig ist. Das Gefühl der Ruhe in Gegenwart von Pflanzen erwächst vermutlich aus der archaischen Gewissheit, dass uns das pflanzliche Grün alles bietet, was wir zum Überleben brauchen. Damals ebenso wie heute.

Originalausgabe: Stefano Mancuso, Alessandra Viola: Giunti Editore S. p. A., Florenz-Mailand 2013. Titel: Verde brillante. Sensibilità e intelligenza del mondo vegetale

Deutsche Ausgabe: Stefano Mancuso, Alessandra Viola: Die Intelligenz der Pflanzen: Verlag Antje Kunstmann GmbH, München 2015. ISBN 978-3-95614-030-3 – S. 42 bis 47.

Einblicke in die Thematik vermitteln und die Diskussionsreihe leiten wird Ernst Knöß[1]. Die weiteren Termine werden rechtzeitig bekannt gegeben. Eingeladen sind alle Menschen guten Willens, die einen anregenden Sonntagmorgen genießen wollen.

Auskünfte zum Thema und zur Veranstaltung erteilt: Ernst Knöß, Schubertstraße 9, 64546 Mörfelden-Walldorf. Tel.: 06105-26578, E-mail: ernst.knoess@googlemail.com; Besuchen Sie auch unsere Webseite: www.naturfreunde-moerfelden-walldorf.de  


[1] Ernst Knöß (Diplomvolkswirt) geb. 1950 studierte Gesellschaftswissenschaften in Berlin (Schwerpunkt Philosophie). Volkswirtschaftslehre in Frankfurt am Main. Außerdem Studien in Kernchemie (TU-Darmstadt) und der Rechtswissenschaften in Frankfurt am Main.

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