Evolution und der Zauber der Wirklichkeit 5

Frühstücksrunde am Sonntagvormittag

Am Sonntag, den 3. Februar 2019 um 10:00 Uhr im Naturfreundehaus Mörfelden-Walldorf, Seminarraum 1. Etage

Baum oder nicht Baum?

Was ist eigentlich ein Baum? Der Duden definiert ihn als Holzgewächs mit Stamm, aus dem Äste wachsen. Der Haupttrieb muss also dominant sein und wächst stetig weiter nach oben, ansonsten zählt das Gewächs als Strauch, dem viele Stämmchen oder besser Äste aus einem gemeinsamen Wurzelstock entspringen. Doch was ist mit der Größe? Ich persönlich habe immer Probleme, wenn ich Berichte von Wäldern des Mittelmeerraums sehe, die mir wie eine Ansammlung von Buschwerk vorkommen. Bäume, das sind doch majestätische Wesen, unter deren Kronen wir uns wie Ameisen im Gras vorkommen. Bei meinen Reisen nach Lappland bin ich allerdings auf ganz andere Vertreter gestoßen, die den Menschen eher wie Gulliver in Liliput erscheinen lassen. Es sind Zwergbäume der Tundra, über die manch Wanderer achtlos hinwegtrampelt. Manchmal werden sie in 100 Jahren nicht viel höher als 20 Zentimeter. Als Baum sind sie wissenschaftlich nicht anerkannt, ebenso wenig wie die Strauchbirke – wie es ihr Name schon vermuten lässt. Dabei bildet diese immerhin Stämmchen bis drei Meter Höhe, meist bleibt sie allerdings unter Augenhöhe und wird deshalb offenbar nicht ernst genommen. Wenn man nun mit gleichem Maß messen würde, dann dürften kleine Buchen oder Vogelbeeren ebenfalls nicht als Bäume zählen. Sie werden zudem oft durch den Fraß großer Säugetiere wie Rehe oder Hirsche so zurückgebissen, dass sie strauchförmig mit vielen Trieben jahrzehntelang in einer Höhe von 50 Zentimeter verharren.

Und wenn ein Baum abgesägt wird? Ist er dann tot? Was ist mit dem erwähnten mehrhundertjährigen Stumpf, der von seinen Kameraden bis heute am Leben gehalten wird? Ist das ein Baum und falls nein, was ist es dann? Noch komplizierter wird es, wenn aus diesem Stumpf ein neuer Stamm treibt. Das ist in vielen Wäldern sogar die Regel, denn gerade Laubbäume wurden vor Jahrhunderten von Köhlern abgeholzt und zu Holzkohle verarbeitet. Aus den Stümpfen trieben neue Stämme, die die Grundlage für viele der heutigen Laubwälder bilden. Speziell Eichen- und Hainbuchenwälder stammen aus solchen Niederwäldern. Bei diesen wurde das Abholzen und Wieder-aufwachsen-Lassen im Rhythmus weniger Jahrzehnte wiederholt, sodass die Bäume nie auswachsen und groß werden konnten. Dies geschah, weil die damalige Bevölkerung einfach zu arm war und es sich nicht leisten konnte, länger auf neues Holz zu warten. Diese Relikte erkennen Sie bei einem Waldspaziergang an straußartigen Mehrfachstämmen oder auch an knubbeligen Verdickungen am Stammfuß, wo das periodische Fällen für Wucherungen sorgte.

Sind diese Stämme nun junge Bäume oder aber in Wahrheit tausendjährige Alte? Diese Frage stellten sich auch Wissenschaftler, die zum Beispiel uralte Fichten in der schwedischen Provinz Dalarna untersuchten. Die älteste hatte eine Art flaches Gebüsch gebildet, das wie ein Teppich ein einzelnes Stämmchen umrahmte. Alles zusammen gehörte zu einem Baum, dessen Wurzelholz mit der C14-Methode untersucht wurde. C14, ein radioaktiver Kohlenstoff, bildet sich ständig neu in der Atmosphäre und zerfällt dann wieder langsam. Dadurch bleibt das Verhältnis zum übrigen Kohlenstoff stets gleich. Eingebunden in inaktive Biomasse, wie etwa Holz, schreitet der Zerfall laufend weiter fort, während kein neuer radioaktiver Kohlenstoff aufgenommen wird. Je geringer dessen Anteil, desto älter muss das Gewebe sein. Die Untersuchung der Fichte ergab ein schier unglaubliches Alter von 9550 Jahren. Die einzelnen Triebe waren jünger, doch diese Neuaustriebe der letzten Jahrhunderte wurden nicht als eigene Bäume gewertet, sondern als Teil des Ganzen. Ich finde: zu Recht! Denn ganz sicher war die Wurzel entscheidender als der oberirdische Trieb. Schließlich sorgte sie für das Überleben des Organismus, hatte starke Klimaschwankungen überstanden und immer wieder neue Stämme getrieben. In ihr waren die Erfahrungen von Jahrtausenden gespeichert, die ihr das Überleben bis zum heutigen Tag ermöglicht hatten. Ganz nebenbei warf die Fichte mehrere wissenschaftliche Lehrmeinungen über Bord. Zum einen wusste bis dahin niemand, dass diese Nadelbäume wesentlich älter als 500 Jahre werden können, zum anderen hatte man bis dato angenommen, Fichten seien erst vor 2000 Jahren nach dem Rückzug des Eises in diesem Teil Schwedens angekommen. Für mich ist dieses unscheinbare kleine Gewächs ein Symbol dafür, wie wenig wir von Wäldern und Bäumen verstehen und wie viele Wunder es zu entdecken gibt.

Peter Wohlleben: Das geheime Leben der Bäume; Verlagsgruppe Random Hause GmbH 2015 Ludwig Verlag München 35. Auflage, S. 75 bis 77.

 

 

Einblicke in die Thematik vermitteln und die Diskussionsreihe leiten wird Ernst Knöß[1]. Die weiteren Termine werden rechtzeitig bekannt gegeben. Eingeladen sind alle Menschen guten Willens, die einen anregenden Sonntagmorgen genießen wollen.

Auskünfte zum Thema und zur Veranstaltung erteilt: Ernst Knöß, Schubertstraße 9, 64546 Mörfelden-Walldorf. Tel.: 06105-26578, E-mail: ernst.knoess@googlemail.com; Besuchen Sie auch unsere Webseite: www.naturfreunde-moerfelden-walldorf.de  


[1] Ernst Knöß (Diplomvolkswirt) geb. 1950 studierte Gesellschaftswissenschaften in Berlin (Schwerpunkt Philosophie). Volkswirtschaftslehre in Frankfurt am Main. Außerdem Studien in Kernchemie (TU-Darmstadt) und der Rechtswissenschaften in Frankfurt am Main.

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