Evolution und der Zauber der Wirklichkeit 3

Frühstücksrunde am Sonntagvormittag

Am Sonntag, den 25. November 2018 um 10:00 Uhr im Naturfreundehaus Mörfelden-Walldorf, Seminarraum 1. Etage

Oft schon bin ich von Gartenbesitzern gefragt worden, ob ihre Bäume nicht zu dicht nebeneinanderständen. Schließlich würden sie sich gegenseitig Licht und Wasser wegnehmen. Diese Sorge stammt aus der Forstwirtschaft: Dort sollen die Stämme möglichst schnell dick und erntereif werden, und hierfür brauchen sie viel Platz und eine gleichmäßig runde und große Krone. Dazu werden sie in regelmäßigem Turnus von fünf Jahren immer wieder von vermeintlichen Konkurrenten befreit, indem man diese fällt. Da sie nicht alt werden, sondern schon im Alter von 100 Jahren ins Sägewerk wandern, machen sich die negativen Auswirkungen auf die Baumgesundheit kaum bemerkbar. Welche negativen Auswirkungen? Klingt es nicht logisch, dass ein Baum besser wächst, wenn er von lästiger Konkurrenz befreit wird, viel Sonnenlicht in der Krone und jede Menge Wasser um die Wurzeln zur Verfügung hat? Für Exemplare, die verschiedenen Spezies angehören, trifft das tatsächlich zu. Sie kämpfen wirklich gegeneinander um die lokalen Ressourcen. Bei Bäumen derselben Art hingegen ist die Lage anders. Dass etwa Buchen zu Freundschaft fähig sind und sich sogar gegenseitig füttern, habe ich schon erwähnt. Ein Wald hat offenbar kein Interesse daran, schwächere Mitglieder zu verlieren. Dann entständen bloß Lücken, die das empfindliche Kleinklima mit seinem Dämmerlicht und der hohen Luftfeuchtigkeit stören würden. Ansonsten könnt sich aber jeder Baum frei entfalten und sein Leben individuell führen. Könnte, denn zumindest Buchen scheinen großen Wert auf ausgleichende Gerechtigkeit zu legen. Eine Studentin fand in meinem Revier heraus, dass man in ungestörten Buchenwäldern in puncto Fotosynthese eine besondere Entdeckung machen kann. Die Bäume synchronisieren sich offenbar derartig, dass alle die gleiche Leistung erbringen. Und das ist nicht selbstverständlich. Jede Buche steht auf einem einzigartigen Platz. Ob der Boden steinig oder sehr locker ist, viel Wasser oder kaum etwas speichert, ein reiches Nährstoffangebot bereithält oder extrem karg ist – die Bedingungen können innerhalb weniger Meter stark voneinander abweichen. Entsprechend erhält jeder Baum andere Wachstumsvoraussetzungen und wächst demnach schneller oder langsamer, kann also mehr oder weniger Zucker und Holz bilden. Ich schließe aus der Forschungsarbeit Folgendes: Die Bäume gleichen Schwächen und Stärken untereinander aus. Egal ob dick oder dünn, alle Artgenossen produzieren pro Blatt Mithilfe des Lichts ähnliche Mengen an Zucker. Der Ausgleich geschieht unterirdisch durch die Wurzeln. Hier findet offensichtlich ein reger Austausch statt. Wer viel hat, gibt ab, wer ein armer Schlucker ist, bekommt Hilfslieferungen. Dabei werden einmal mehr Pilze beteiligt, die mit ihrem riesigen Netzwerk wie eine gigantische Umverteilungsmaschine wirken. Das erinnert ein wenig an das Sozialhilfesystem, welches ebenfalls verhindert, dass einzelne Mitglieder unserer Gesellschaft zu tief abstürzen.

Zu dicht können die Buchen dabei gar nicht wachsen, ganz im Gegenteil. Gruppenkuscheln ist erwünscht, und oft stehen die Stämme weniger als einen Meter auseinander. Die Kronen bleiben dadurch klein und gedrängt, und selbst viele Förster meinen, dass dies den Bäumen nicht guttut. Daher werden sie durch Fällungen getrennt, sprich, die vermeintlich überflüssigen beseitigt. Doch Kollegen aus Lübeck fanden heraus, dass ein Buchenwald, dessen Mitglieder dicht stehen, produktiver ist. Ein deutlicher jährlicher Mehrzuwachs an Biomasse, vor allem Holz, ist der Beweis für die Gesundheit des Baumpulks. Zusammen lassen sich die Nährstoffe und das Wasser offenbar optimal unter allen verteilen, sodass jeder Baum zur Höchstform auflaufen kann. „Hilft“ man einzelnen Exemplaren, ihre vermeintliche Konkurrenz loszuwerden, dann werden die verbleibenden Bäume zu Einsiedlern. Die Kontakte zu den Nachbarn laufen ins Leere, da dort nur noch Stümpfe stehen. Nun wurschtelt jeder vor sich hin mit der Folge, dass es zu großen Unterschieden in der Produktivität kommt. Manche Individuen betreiben wie wild Fotosynthese, dass der Zucker nur so sprudelt. Dadurch wachsen sie besser, sind fit und leben doch nicht besonders lang. Denn ein Baum kann immer nur so gut sein wie der ihn umgebende Wald. Und dort stehen nun auch viele Verlierer. Schwächere Mitglieder, die früher von den stärkeren unterstützt wurden, geraten auf einmal ins Hintertreffen. Ob es an ihrem Standort und mangelnden Nährstoffen liegt, einem temporären Unwohlsein oder ob es die genetische Ausstattung ist: Sie werden nun leichter Opfer von Insekten und Pilzen. Ist so etwas nicht im Sinne der Evolution, wo nur die Stärksten überleben? Bäume würden darüber nur den Kopf beziehungsweise die Krone schütteln. Ihr Wohl hängt von der Gemeinschaft ab, und wenn die vermeintlich kraftlosen verschwinden, dann verlieren auch die anderen. Der Wald ist nicht mehr geschlossen, heiße Sonne und stürmische Winde können bis zum Boden dringen und das feucht-kühle Klima verändern. Auch starke Bäume erkranken im Laufe ihres Lebens mehrmals und sind in solchen Situationen auf die Unterstützung schwächerer Nachbarn angewiesen. Gibt es diese nicht mehr, dann reicht ein harmloser Insektenbefall, um das Schicksal sogar von Giganten zu besiegeln.

Peter Wohlleben: Das geheime Leben der Bäume; Verlagsgruppe Random Hause GmbH 2015 Ludwig Verlag München 35. Auflage, S. 21 bis 23.

 

Einblicke in die Thematik vermitteln und die Diskussionsreihe leiten wird Ernst Knöß[1]. Die weiteren Termine werden rechtzeitig bekannt gegeben. Eingeladen sind alle Menschen guten Willens, die einen anregenden Sonntagmorgen genießen wollen.

Auskünfte zum Thema und zur Veranstaltung erteilt: Ernst Knöß, Schubertstraße 9, 64546 Mörfelden-Walldorf. Tel.: 06105-26578, E-mail: ernst.knoess@googlemail.com; Besuchen Sie auch unsere Webseite: www.naturfreunde-moerfelden-walldorf.de  


[1] Ernst Knöß (Diplomvolkswirt) geb. 1950 studierte Gesellschaftswissenschaften in Berlin (Schwerpunkt Philosophie). Volkswirtschaftslehre in Frankfurt am Main. Außerdem Studien in Kernchemie (TU-Darmstadt) und der Rechtswissenschaften in Frankfurt am Main.

Diese Webseite verwendet Cookies, um ein optimales Nutzungserlebnis anzubieten. Durch die Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich damit einverstanden.Weitere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.