Evolution und der Zauber der Wirklichkeit 25

Frühstücksrunde am Sonntagvormittag

Am Sonntag, den 18. Oktober 2020 um 09:00 Uhr im Naturfreundehaus Mörfelden-Walldorf Gastraum im Parterre.

Wir lesen Siegmund Freud: „Die Zukunft einer Illusion“ im Rahmen des Themas: Evolution und der Zauber der Wirklichkeit.

Wir kommen zum zweiten Aspekt der Pathologie des Zeitgeistes: Der Drogenabhängigkeit. In dem Maße, in dem da die Therapie schwierig ist, - im gleichen Maß ist die Prophylaxe wichtig, und verhältnismäßig ist sie auch leicht. Wir brauchen nur davon auszugehen, dass die Drogenabhängigkeit im Grunde auf zweierlei zurückzuführen ist: auf Neugier und auf die sogenannte peer pressure, was so viel bedeutet wie den Druck, der von der Gruppe ausgeht. Als ich 1938 von meinem Chef – dem Direktor der psychiatrischen Universitätsklinik Professor Otto Pötzl – beauftragt wurde, das damals aufgekommene Amphetamin (seinerzeit Benzedrin, dann Pervitin genannt) auf seine allfällige therapeutische Effizienz bei psychiatrischen Erkrankungen zu untersuchen, hatte ich es schwer, der Versuchung zu widerstehen, eine Tablette einmal selbst einzunehmen, instinktiv muss ich die Gefahr, süchtig zu werden, geahnt haben, die zu dieser Zeit noch keineswegs bekannt war. Jedenfalls ist es verständlich, dass namentlich junge Individuen der Neugier erliegen, wie denn diese oder jene chemische Substanz sich auswirken mag. Und hinsichtlich peer pressure brauchen wir uns nur vorzustellen, wie gerne ein Schüler, der mit ansehen muss, wie seine Kameraden in der Pause in die eine Zeitlang vom Österreichischen Unterrichtsministerium in den Schulen installierten Raucherzimmer stürzen, nicht „zurückstehen“, sondern bekunden möchte, dass er auch so „reif“ ist, dass er zu den Rauchern gehört. Er ist stolz darauf! Und niemand hat ihn darauf aufmerksam gemacht, wie stolz er erst darauf hätte sein können, hätte er es nicht den Rauchern gleichgetan, sondern es zustande gebracht, ebendieser Versuchung zu widerstehen. Diesen höheren Stolz müssen auch die USA im Sinn gehabt haben, und sie haben es sich auch etwas kosten lassen, indem sie in allen Studentenzeitungen ein ganzseitiges Inserat in Auftrag gaben, auf dem eine Studentin zu sehen ist, die den Betrachter herausfordernd anblickt und – auf Englisch – höhnisch fragt: „Sie sind g’scheit genug, um über Viktor Frankls „existential vacuum“ zu diskutieren, - und sie sind nicht imstande das Rauchen aufzugeben?“ Nicht ungeschickt, dieser Appell an den „höheren“ Stolz - und sicherlich nicht ganz unwirksam geblieben.

1961 an der Harvard University: Der zum Präsidenten der American Psychological Association gewählte Professor Gordon W. Allport - er war es, der mir die Harvard-Professur angetragen hatte, - fragte mich eines Tages: „Herr Frankl, wir haben da einen jungen Professor namens Timothy Leary, und die Frage ist, ob wir ihn entlassen sollen, - er propagiert ein Halluzinogen – die Substanz heißt Lysergsäurediethylamid (LSD); wären Sie für eine Entlassung?“ Ich war dafür. „Ich bin Ihrer Meinung; aber die Majorität der Fakultät hat mich niedergestimmt, und zwar im Namen der akademischen Lehrfreiheit“. Dieses Abstimmungsergebnis hat die weltweite Drogenlawine losgetreten! Wieder einmal hatte sich erwiesen, wie Recht ich hatte, wann immer ich meinen amerikanischen Freunden vor Augen hielt: „Freiheit – auch Lehrfreiheit – ist nicht alles, ist nicht die ganze Story, ist nur die halbe Wahrheit, ist nur eine Seite der Medaille – ihre Rückseite ist: Verantwortung; denn Freiheit droht auszuarten, wofern sie nicht von Verantwortung kontrolliert wird“. Aus welchem Grund ich Ihnen ans Herz legen möchte, Ihre „Statue of Liberty“ an der Ostküste zu ergänzen und an der Westküste eine „Statue of Responsibility“ zu errichten.

Was schließlich den dritten Aspekt der Pathologie des Zeitgeistes anlangt, möchte ich auf eine Begebenheit verweisen, die sich kürzlich in Essen ereignete. Dort war es zu Gewaltakten gekommen, begangen von Jugendlichen. Auf die Frage, warum sie gewalttätig geworden waren, fragten sie einfach zurück: „Warum nicht?“. Wieder gilt: Es war nichts da, das dagegengesprochen hätte. Wo alles sinnlos ist, gibt es keine Gegenargumente gegen Gewalt.

Im ehemaligen Ostdeutschland gibt es eine Stadt, in der ein Krisentelephon existiert. Bis zur „Wende“ war es von Leuten frequentiert worden, deren Majorität Fragen stellte, die mit Sex in Zusammenhang standen. Danach betrafen die Fragen – ich zitiere wörtlich – die Themen „Depression – Gewalt – Alkoholismus“. Diese Trias deckt sich, wie wir sehen, mit den besprochenen drei Aspekten „Depression – Aggression – Addiction“. Darüber hinaus aber ist bemerkenswert, dass die betreffenden Autoren annehmen, dem von ihnen beobachteten dreiteiligen Krankheitsbild liege letzten Endes zugrunde, was sie als „Orientierungslosigkeit“ bezeichnen. Was aber ist Orientierungslosigkeit anderes als Mangel an einem gültigen Menschenbild, an einer Anthropologie, innerhalb derer die humane Dimension Platz findet, die Dimension, innerhalb derer wieder die spezifisch humanen Phänomene angesiedelt sind, und sie ist – um den Titel meines Lieblingsbuches von Freud zu zitieren – eine Dimension „jenseits des Lustprinzips“.

„Logotherapie und Existenzanalyse“, Viktor E. Frankl S. 290, 291, 292. Beltz Taschenbuch 129; 2002 Beltz Verlag, Weinheim und Basel.

 

Einblicke in die Thematik vermitteln und die Diskussionsreihe leiten wird Ernst Knöß[1]. Die weiteren Termine werden rechtzeitig bekannt gegeben. Eingeladen sind alle Menschen guten Willens, die einen anregenden Sonntagmorgen genießen wollen.

Auskünfte zum Thema und zur Veranstaltung erteilt: Ernst Knöß, Schubertstraße 9, 64546 Mörfelden-Walldorf. Tel.: 06105-26578, E-mail: ernst.knoess@googlemail.com; Besuchen Sie auch unsere Webseite: www.naturfreunde-moerfelden-walldorf.de


[1] Ernst Knöß (Diplomvolkswirt) geb. 1950 studierte Gesellschaftswissenschaften in Berlin (Schwerpunkt Philosophie). Volkswirtschaftslehre in Frankfurt am Main. Außerdem Studien in Kernchemie (TU-Darmstadt) und der Rechtswissenschaften in Frankfurt am Main.

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