Evolution und der Zauber der Wirklichkeit 22

Frühstücksrunde am Sonntagvormittag

Am Sonntag, den 8. März 2020 um 10:00 Uhr im Naturfreundehaus Mörfelden-Walldorf,
Seminarraum 1. Etage

Langsamkeit oder die Ferne des Ziels

Elias Canetti aus „Masse und Macht“

Zur langsamen Masse gehört die Ferne des Ziels. Man bewegt sich mit großer Beharrlichkeit auf ein Ziel hin, das unverrückbar ist, und bleibt unterwegs auf alle Fälle zusammen. Der Weg ist weit, die Hindernisse unbekannt, Gefahren drohen von allen Seiten. Eine Entladung ist nicht erlaubt, bevor man das Ziel erreicht hat.

Die langsame Masse hat die Form eines Zuges. Sie kann von Anfang an aus allen bestehen, die zu ihr gehören, wie beim Auszug der Kinder Israels aus Ägypten. Ihr Ziel ist das gelobte Land, und sie sind eine Masse, solange sie an dieses Zeil glauben. Die Geschichte ihrer Wanderung ist die Geschichte dieses Glaubens. Oft sind die Schwierigkeiten so groß, daß sie zu zweifeln beginnen. Sie hungern oder dürsten, und sobald sie murren, sind sie vom Zerfall bedroht. Immer wieder bemüht sich der Mann, der sie anführt, ihren Glauben zu retablieren. Immer wieder gelingt es ihm, und wenn nicht ihm, so gelingt es den Feinden, von denen sie sich bedroht fühlen. Die Geschichte der Wanderung, die sich über 40 Jahre erstreckt, enthält viele Einzelbildungen von Massen rascher und akuter Natur und es wird über sie bei Gelegenheit manches zu sagen sein. Aber sie sind allen der umfassenderen Vorstellung einer einzigen, langsamen Masse untergeordnet, die sich auf ihr gelobtes Ziel hinbewegt, das Land, das ihnen verheißen wurde. Die Erwachsenen unter ihnen werden alt und sterben ab, Junge werden geboren und werden groß, aber auch wenn die Individuen alle andere sind, der Zug als ganzer bleibt derselbe. Es fließen ihnen keine neuen Gruppen zu. Von Anfang an ist bestimmt, wer zu ihnen gehört und ein Anrecht auf das verheißene Land hat. Da diese Masse nicht sprunghaft wachsen kann, bleibt es während ihrer ganzen Wanderung die eine kardinale Frage: Wie macht sie es, daß sie nicht zerfällt?

Eine zweite Form der langsamen Masse ist eher mit einem Fußsystem zu vergleichen. Sie beginnt mit kleinen Bächen, die allmählich zusammenrinnen; in den Fluß, der entsteht, münden von allen Seiten andere Flüsse; das Ganze wird, wenn genug Land vor ihm liegt, ein Strom, und sein Ziel ist das Meer. Die jährliche Pilgerfahrt nach Mekka ist vielleicht das eindrucksvollste Beispiel für diese Form der langsamen Masse. Von den entferntesten Teilen der islamischen Welt ziehen Karawanen mit Pilgern aus, alle in der Richtung auf Mekka zu. Manche beginnen vielleicht klein, andere, die von Fürsten mit großem Glanze ausgestattet sind, sind von Anfang an, der Stolz der Länder, aus denen sie ihren Ursprung nehmen. Aber alle stoßen im Verlaufe ihrer Wanderung auf andere Karawanen, die dasselbe Ziel haben, und so wachsen sie mehr und mehr an und werden in der Nähe ihres Ziels zu mächtigen Strömen. Mekka ist ihr Meer, in das sie münden.

Es gehört zur Verfassung solcher Pilger, daß viel Raum für Erlebnisse gewöhnlicher Art bleibt, die mit dem Sinn der Fahrt an sich gar nichts zu tun haben. Man lebt seinen oft wiederkehrenden Tag, man schlägt sich mit vielen Gefahren herum, man ist meist arm und hat für Nahrung und Trank zu sorgen. Das Leben dieser Menschen, das sich in der Fremde abspielt, einer Fremde, die immerwährend wechselt, ist Gefahren mehr ausgesetzt als zu Haus. Es sind durchaus Gefahren, die sich auf die Art ihres Unternehmens beziehen. So bleiben die Pilger in weitem Maße Individuen, die separiert für sich dahinleben wie Menschen überall. Aber solange sie an ihrem Ziele festhalten, und das ist bei den meisten von ihnen der Fall, sind sie auch immer Teile einer langsamen Masse, die – wie immer sie sich zu ihr verhalten mögen – weiterbesteht und bestehenbleiben wird, bis sie an ihr Ziel gelangt.

Eine dritte Form der langsamen Masse hat man in all jenen Gebilden vor sich, die sich auf ein unsichtbares und in diesem Leben unerreichbares Ziel beziehen. Das Jenseits, in dem die Seligen auf alle die warten, die sich einen Platz darin verdient haben, ist ein wohlartikuliertes Ziel und den Gläubigen allein zugehörig. Sie sehen es klar und deutlich vor sich und müssen sich nicht mit einem vagen Symbol dafür begnügen. Das Leben ist wie ein Pilgerweg dorthin, zwischen ihnen und dem Jenseits steht der Tod. Der Weg ist im Einzelnen nicht bezeichnet und schwer zu überschauen. Viele verirren sich und gehen auf ihm verloren. Immerhin färbt die Hoffnung auf das Jenseits das Leben des Gläubigen so sehr, daß man das Recht hat, von einer langsamen Masse zu sprechen, zu der die Anhänger eines Glaubens alle zusammengehören. Da sie einander nicht kennen und über viele Städte und Länder verstreut leben, ist das anonyme dieser Masse besonders eindrucksvoll.

Wie aber sieht es in ihr aus und was unterscheidet sie am meisten von den raschen Formen?

Die Entladung in der langsamen Masse versagt. Man könnte sagen, daß dies ihr wichtigstes Kennzeichen ist, und so ließe sich auch statt von langsamen von entladungslosen Massen sprechen. Doch ist die erste Bezeichnung vorzuziehen, denn es ist nicht so, daß man auf die Entladung ganz verzichten kann. In der Vorstellung von einem Endzustand bleibt sie immer mit enthalten. Sie wird in eine weite Ferne hinausgeschoben. Dort, wo das Ziel ist, ist auch die Entladung. Eine starke Vision von ihr ist immer da, ihre Sicherheit liegt am Ende.

In der langsamen Masse hat man es darauf abgesehen, den Prozess, der zur Entladung führt, auf weite Sicht hin zu verzögern. Die großen Religionen haben in diesem Verzögerungsgeschäft eine besondere Meisterschaft entwickelt. Es liegt ihnen daran, die Anhänger, die sie sich gewonnen haben, zu behalten. Um sie zu behalten, und um Neue dazuzugewinnen, müssen sie sich von Zeit zu Zeit versammeln. Wenn es bei diesen Versammlungen einmal zu heftigen Entladungen gekommen ist, müssen diese wiederholt und an Heftigkeit womöglich übertroffen werden; zumindest wird eine regelmäßige Wiederholung der Entladungen unerläßlich, wenn die Einheit der Gläubigen nicht verloren gehen soll. Was während dieser Art des Dienstes geschieht, der sich in rhythmischen Massen abspielt, ist über größere Distanzen nicht zu kontrollieren. Das Zentralproblem der Universalreligionen ist die Beherrschung ihrer Gläubigen über weite Erdstriche hin. Diese Beherrschung ist nur möglich, durch eine bewusste Verlangsamung der Massenvorgänge. Die Ziele in der Ferne müssen an Bedeutung gewinnen, die der Nähe müssen immer mehr an Gewicht verlieren und schließlich wertlos erscheinen. Die irdische Entladung ist nie von Dauer, was ins Jenseits verlegt wird, hat Bestand.

Ziel und Entladung fallen so zusammen, das Ziel aber ist unverwundbar. Denn das gelobte Land hier auf Erden kann von Feinden besetzt und verwüstet, das Volk, dem es gelobt war, kann daraus vertrieben werden. Mekka ist von den Karmaten erobert und ausgeraubt worden, der heilige Stein der Kaaba wurde von ihnen verschleppt. Viele Jahre lang konnte keine Pilgerfahrt dorthin unternommen werden.

Das Jenseits aber mit seinen Seligen ist allen Verwüstungen dieser Art entrückt. Es lebt vom Glauben allein und ist nur in diesem zu treffen. Der Zerfall der langsamen Masse des Christentums hat in dem Augenblick eingesetzt, da der Glaube an dieses Jenseits sich zu zersetzen anfing.

Elias Canetti, Masse und Macht, 29. Auflage November 2003, Fischer Taschenbuch Verlag Frankfurt am Main. S. 43–46.

 

 

Einblicke in die Thematik vermitteln und die Diskussionsreihe leiten wird Ernst Knöß[1]. Die weiteren Termine werden rechtzeitig bekannt gegeben. Eingeladen sind alle Menschen guten Willens, die einen anregenden Sonntagmorgen genießen wollen.

Auskünfte zum Thema und zur Veranstaltung erteilt: Ernst Knöß, Schubertstraße 9, 64546 Mörfelden-Walldorf. Tel.: 06105-26578, E-mail: ernst.knoess@googlemail.com; Besuchen Sie auch unsere Webseite: www.naturfreunde-moerfelden-walldorf.de


[1] Ernst Knöß (Diplomvolkswirt) geb. 1950 studierte Gesellschaftswissenschaften in Berlin (Schwerpunkt Philosophie). Volkswirtschaftslehre in Frankfurt am Main. Außerdem Studien in Kernchemie (TU-Darmstadt) und der Rechtswissenschaften in Frankfurt am Main.

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