Evolution und der Zauber der Wirklichkeit 20

Frühstücksrunde am Sonntagvormittag

Am Sonntag, den 26. Januar 2020 um 10:00 Uhr im Naturfreundehaus Mörfelden-Walldorf,
Seminarraum 1. Etage

Der Herr ist kein Hirte

Zitate ausgewählt und Text von Christopher Hitchens

„Wenn es sich um Fragen der Religion handelt, machen sich die Menschen aller möglichen Unaufrichtigkeiten und intellektuellen Unarten schuldig.“ Sigmund Freud; Die Zukunft einer Illusion.

„Die verschiedenen Religionen, welche in der römischen Welt herrschten, wurden sämtlich von dem Volke als gleich wahr, von den Philosophen als gleich falsch, und von der Staatsgewalt als gleich nützlich angesehen.“ Edward Gibbon; Verfall und Untergang des Römischen Reiches.

„Ich gehöre somit zu den wenigen Menschen in diesem Lande, die den religiösen Glauben nicht etwa aufgegeben haben, sondern ihn nie hatten. … Dieser Umstand hatte übrigens eine abträgliche Folge in meiner frühen Erziehung, die erwähnenswert ist. Da er mir meine Meinung vermittelte, die derjenigen der Welt widersprach, hielt es mein Vater für notwendig, sie mir als eine solche mitzuteilen, zu der ich mich klugerweise auch nicht vor aller Welt bekennen solle. Diese Lektion, meine Gedanken bereits in Jungen Jahren für mich zu behalten, hatte einige nachteilige moralische Begleiterscheinungen.“ John Stuart Mill; Autobiographie.

Charles Darwin kam noch zu Paines und Jeffersons Lebenszeit zur Welt, und sein Werk konnte endlich dem Wissens Defizit abhelfen, mit dem sie im Bereich des Ursprungs der Pflanzen und Tiere und anderer Naturphänomene noch zu kämpfen hatten. Doch selbst Darwin war, als er seine Forschungen als Botaniker und Naturhistoriker aufnahm, ziemlich sicher, dass er im Einklang mit Gottes Plan handelte. Immerhin hatte er Geistlicher werden wollen. Mit jeder neuen Entdeckung versuchte er sein Wissen mit dem Glauben an eine höhere Intelligenz in Einklang zu bringen. Wie Edward Gibbon wusste er im Voraus, dass die Veröffentlichung seiner Forschungen kontrovers aufgenommen würde, und bereitete sich vorsorglich – nicht so umfangreich wie Gibbon allerdings – schon einmal auf seine Verteidigung vor. Am Anfang machte er sich gar selbst Vorwürfe, die sehr nach dem Unsinn klangen, den die Vertreter des „Intelligent Design“ heute gern verbreiten: Nun, da wir die unwiderlegbaren Beweise für die Evolution vor Augen haben, lässt sich da nicht mit Fug und Recht behaupten, dass Gott noch viel großartiger ist, als wir es bisher angenommen haben? Da er aber selbst davon nicht restlos überzeugt war, fürchtete er, seine ersten Schriften zur natürlichen Auslese würden seine Reputation ruinieren, gerade so, als hätte er einen Mord gestanden. Wollte er je den Nachweis führen, dass eine Anpassung an den Lebensraum stattgefunden hat, das war ihm bewusst, würde er etwas noch viel Beunruhigenderes eingestehen müssen: dass es keine erste Ursache, keinen großen Plan gibt.

Die Symptome der so vertrauten Verschleierung und Verschlüsselung durchziehen die gesamte erste Ausgabe des Buches Die Entstehung der Arten. Der Begriff Evolution taucht überhaupt nicht auf, wohingegen das Wort Schöpfung recht häufig fällt. … In Die Abstammung des Menschen wagte sich Darwin etwas weiter aus der Reserve, ließ den Text aber immer noch durch seine fromme und geliebte Frau Emma redigieren. Nur in seiner Autobiografie, die nicht zur Veröffentlichung vorgesehen war, und in einigen Briefen an Freunde räumte er ein, dass er seinen Glauben eingebüßt habe. Seine „agnostische“ Schlussfolgerung habe viel mit seinem Leben und seiner Arbeit zu tun: Er hatte zahlreiche Verluste erlitten, die er nicht mit einem liebevollen Schöpfer, geschweige denn mit der christlichen Lehre einer ewigen Bestrafung vereinbaren konnte. Wie viele noch so kluge Menschen neigte er zu jener Egozentrik, die über Wohl oder Wehe des Glaubens entscheidet und voraussetzt, dass sich das Universum mit unserem Schicksal befasst. Darwins wissenschaftliche Stringenz erscheint in diesem Lichte allerdings umso verdienstvoller, und seine Arbeit steht auf einer Stufe mit der des Galilei, da sie ausschließlich der Wahrheitsfindung diente. Dass sie von der – falschen und enttäuschten – Erwartung motiviert wurde, diese Wahrheit wäre am Ende ein Widerhall des Lobliedes ad majorem Dei gloriam, spielt dabei keine Rolle.

Nach seinem Tod wurde auch Darwin von einem hysterischen Christen mit der Lüge verunglimpft, der große, aufrichtige und gequälte Forscher habe bis zuletzt mit der Bibel geliebäugelt. Erst nach geraumer Zeit kam man dem erbärmlichen Schwindler, der dieses Vorgehen für edel hielt, auf die Schliche.

Als Sir Isaac Newton, wahrscheinlich zu Recht, wissenschaftliches Plagiat vorgeworfen wurde, machte er das vorsichtige Eingeständnis – seinerseits ein Plagiat -, er genieße bei seiner Arbeit das Privileg, auf den Schultern von Giganten zu stehen. Diese Aussage wäre im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts stark untertrieben. Wann immer mir danach ist, kann ich mich mit Hilfe eines einfachen Laptops mit Leben und Werk des Anaxagoras, des Erasmus, des Epikur oder Ludwig Wittgensteins vertraut machen. Die Bibliothekslektüre bei Kerzenlicht, ein Mangel an Texten oder Schwierigkeiten, mit Gleichgesinnten Verbindung aufzunehmen, gehören anderen Zeitaltern oder Gesellschaften an und stellen für mich kein Problem dar. Auch muss ich – wenn mir nicht gerade eine unfreundliche Stimme am Telefon den Tod oder die Hölle oder beides an den Hals wünscht – nicht ständig fürchten, dass ich als Folge meiner Veröffentlichungen meine Arbeit verliere, meine Familie ins Exil fliehen muss oder Schlimmeres erleidet, religiöse Schwindler und Lügner meinen Namen nachhaltig in den Schmutz ziehen oder ich vor die schwierige Wahl zwischen Widerruf und Tod durch Folter gestellt werde. Ich kann Freiheiten genießen und aus einem Wissensfundus schöpfen, die für die Pioniere unvorstellbar waren. Im Rückblick auf die lange Zeit vor mir ist gar nicht zu übersehen, dass die Giganten, auf die ich mich stütze und auf deren breiten Schultern ich stehe, allesamt gezwungen waren, in ihren hoch, aber nicht ausreichend entwickelten Kniegelenken ein wenig nachzugeben. Nur ein Mitglied aus der Kategorie Giganten und Genies sprach ohne Angst und übergroße Vorsicht aus, was es dachte. Ich zitiere daher noch einmal Alber Einstein, der so gern verzerrt wiedergegeben wurde. Einem Briefpartner, dem eine dieser vielen Einstellungen Sorgen bereitete, schrieb er:

„Was Sie über meine religiösen Überzeugungen gelesen haben, war natürlich eine Lüge, und zwar eine Lüge, die systematisch wiederholt wird. Ich glaube nicht an einen personalen Gott und habe das auch nie geleugnet, sondern es deutlich zum Ausdruck gebracht. Wenn etwas in mir ist, das als religiös bezeichnet werden kann, dann ist es die uneingeschränkte Bewunderung für die Struktur der Welt, soweit unsere Wissenschaft sie offenbaren kann.

Jahre später antwortete er auf eine andere Nachfrage:

„Ich glaube nicht an die Unsterblichkeit des Individuums und betrachte die Ethik ausschließlich als eine menschliche Angelegenheit ohne übermenschliche Autorität.“

Diese Worte kommen von einem Mann, der zu Recht für seine Sorgfalt, sein Augenmaß und seine Skrupel bekannt war und der mit seinem Genie eine neue Theorie entwickelte, die, in die falschen Hände gelangt, nicht nur die ganze Welt, sondern auch ihre gesamte Vergangenheit und ihre Zukunft hätte auslöschen können, Fast sein ganzes Leben lang war er damit beschäftigt, sich gegen die Rolle eines strafenden Propheten zu wehren und stattdessen die Botschaft von der Aufklärung und vom Humanismus zu verbreiten. Als Jude, der als solcher ins Exil getrieben, diffamiert und verfolgt worden war, bewahrte er sich möglichst viel vom ethischen Judaismus, lehnte aber die barbarische Mythologie des Pentateuchs ab. Wir haben ihm mehr zu verdanken als all den wehklagenden Rabbinern vergangener und heutiger Tage. Als man Einstein übrigens die erste Präsidentschaft des Staates Israel anbot, lehnte er ab, weil er der Entwicklung des Zionismus kritisch gegenüberstand – sehr zur Erleichterung David Ben Gurions, der sein Kabinett nervös gefragt hatte: „Was machen wir, wenn er Ja sagt?“

Christopher Hitchens „Der Herr ist kein Hirte“; 6. Taschenbucherstausgabe 2/2009 Karl Blessing Verlag München. S. 189, 305, 323, 324, 325, 326.

 

Einblicke in die Thematik vermitteln und die Diskussionsreihe leiten wird Ernst Knöß[1]. Die weiteren Termine werden rechtzeitig bekannt gegeben. Eingeladen sind alle Menschen guten Willens, die einen anregenden Sonntagmorgen genießen wollen.

Auskünfte zum Thema und zur Veranstaltung erteilt: Ernst Knöß, Schubertstraße 9, 64546 Mörfelden-Walldorf. Tel.: 06105-26578, E-mail: ernst.knoess@googlemail.com; Besuchen Sie auch unsere Webseite: www.naturfreunde-moerfelden-walldorf.de  


[1] Ernst Knöß (Diplomvolkswirt) geb. 1950 studierte Gesellschaftswissenschaften in Berlin (Schwerpunkt Philosophie). Volkswirtschaftslehre in Frankfurt am Main. Außerdem Studien in Kernchemie (TU-Darmstadt) und der Rechtswissenschaften in Frankfurt am Main.

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