Evolution und der Zauber der Wirklichkeit 18

Frühstücksrunde am Sonntagvormittag

Am Sonntag, den 1. Dezember 2019 um 10:00 Uhr im Naturfreundehaus Mörfelden-Walldorf,
Seminarraum 1. Etage

Pflanzenrevolution

Stefano Mancuso

Nehmen wir etwa den Roggen (Secale cereale), der seit mindestens dreitausend Jahren kultiviert wird. Er war ursprünglich ein Beikraut von Weizen und Gerste, mit denen er noch einige grundlegende Sameneigenschaften teilt. Um verstehen zu können, wie aus einem Unkraut eine Nutzpflanze werden kann, müssen wir uns allerdings kurz in die Lage der ersten Bauern versetzen und uns vorstellen, wie unsere Vorfahren ihr Leben als Jäger und Sammler langsam aufgaben und nach kultivierbaren Pflanzen suchten. Welche Pflanzen werden sie bevorzugt haben? Nach welchen Kriterien haben sie ausgewählt? Bestimmt haben sie sich für Arten mit großen Körnern entschieden, die in großer Zahl in irgendwas enthalten waren und die man, beispielsweise wie Ähren, gut pflücken konnte. Und bestimmt haben sie sich gegen Pflanzen entschieden, deren Körner spontan abfallen. Körner von der Erde aufzusammeln war viel zu anstrengend. Ohne Zweifel war der Weg vom Jäger zum Bauern langwierig und mühsam und mit Fehlern und Rückschlägen gepflastert. Doch Weizen und Gerste, also Getreidesorten mit großen Körnern und leicht zu pflückenden Ähren, gehörten mit hoher Wahrscheinlichkeit zu den ersten Kulturpflanzen. Allerdings wählte der Mensch damit ungewollt auch die gefürchtetsten Beikräuter aus.

Und das ist der Beginn der Geschichte des Roggens, der zunächst, wenig beneidenswert, ein Unkraut war. Die Vorfahren des heutigen Roggens sind nämlich ein klassisches Beispiel für die Wawilow’sche Mimikry. Weil die Roggenkörner denen von Weizen und Gerste so stark ähnelten, mussten die frühen Bauern im Fruchtbaren Halbmond die Aussaat sorgfältig kontrollieren. Doch das war nicht gerade einfach. Und darum wurde der Roggen bald zum weitverbreiteten Unkraut. Als Weizen und Gerste dann später auch weiter nördlich, östlich und westlich angebaut wurden, ging der Roggen mit auf Reisen – bekanntlich ist der Mensch ein supereffizienter Samenverbreiter – und erreichte schließlich Regionen mit kälteren Wintern und kargeren Böden. Hier konnte er endlich seine Robustheit unter Beweis stellen. Er trug nun sogar besser als Weizen und Gerste, die er schon bald verdrängen sollte, und wurde schließlich zur Kulturpflanze.

,Beim Roggen hat die Geschichte der Wawilow’schen Mimikry also ein gutes Ende genommen. In vielen Fällen sieht das allerdings anders aus: etwa wenn wir die Resistenzen vieler Pflanzen gegen Unkrautvernichtungsmittel betrachten, mit denen sie immer stärker malträtiert werden. Besonders in den letzten Jahrzehnten hat die Verwendung von Herbiziden in der Landwirtschaft exponentiell zugenommen. Und während man manche Steigerung vielleicht noch als „physiologisch“ bezeichnen könnte, hat die Zunahme bei bestimmten „Pflanzenschutzmitteln“ wie Glyphosat geradezu pathologische Ausmaße erreicht, was unter anderem am Anbau gentechnisch veränderter, gegen das Mittel unempfindlicher Pflanzen liegt. Weil manche Pflanzen keinerlei Reaktion auf Glyphosat zeigen, können die Landwirte beliebig viel davon aufbringen, ohne negative Folgen für ihre Ernte befürchten zu müssen. Und wenn die Ernte keinen Schaden nimmt, warum dann knausern, und nicht einfach so viele Herbizide sprühen, bis der letzte Unkrauthalm tot ist? Die Zahlen für Glyphosat belegen diese Haltung eindrucksvoll: Schon 1974 verwendete allein die US-amerikanische Landwirtschaft 360 000 Kilogramm Glyphosat. Und 2014 waren es sage und schreibe 113,4 Millionen Kilogramm. In den letzten 40 Jahren hat sich der Verbrauch also verdreihundertfacht!

Durch den enormen chemischen Druck auf die Unkräuter wurden auch bei den Pflanzen Resistenzen begünstigt, die die Kulturpflanzen normalerweise begleiten, den erwähnten Mimikry-Beikräutern. In den USA gibt es heute Amaranthus Palmeri-Populationen – ein essbares Korn, das bei den Bauern aber als Unkraut gilt -, die gegen Glyphosat vollkommen resistent sind. Amaranthus Palmeri ist auf den Mais- und Sojafeldern mittlerweile zu einem ernsten Problem geworden, das mit immer höheren Glyphosatdosen und anderen Herbizid Mischungen bekämpft wird.

Und so nehmen die resistenten Unkräuter überall zu. Doch mich beunruhigt das nicht im Geringsten: Ich habe die Unkräuter schon immer geliebt. Sie faszinieren mich durch ihre Intelligenz, ihre Anpassungsfähigkeit und weil sie trotz der Bekämpfung von allen Seiten überleben. Auf keinen Fall sollten wir sie mit immer größeren Herbizid Mengen bekämpfen, sondern höchstens mit umweltschonenden Techniken eindämmen. Sonst ersticken wir jede Hoffnung im Keim, unsere landwirtschaftlichen Ökosysteme doch noch zu retten. Noch besser wäre es allerdings, wir würden lernen, mit Unkräutern zu leben. Ich mag sie jedenfalls, ob sie sich nun als nützlich erweisen wie der Roggen oder einfach nur auf den Menschen pfeifen. Vor allem aber sind die Umweltschäden, die wir bei ihrer Bekämpfung mit Herbiziden anrichten, weitaus höher als alle Schäden, die Unkräuter unseren Kulturpflanzen je zufügen könnten.

Stefano Mancuso Pflanzenrevolution. Verlag Antje Kunstmann GmbH München 2018. S. 77 bis 81.

 

Einblicke in die Thematik vermitteln und die Diskussionsreihe leiten wird Ernst Knöß[1]. Die weiteren Termine werden rechtzeitig bekannt gegeben. Eingeladen sind alle Menschen guten Willens, die einen anregenden Sonntagmorgen genießen wollen.

Auskünfte zum Thema und zur Veranstaltung erteilt: Ernst Knöß, Schubertstraße 9, 64546 Mörfelden-Walldorf. Tel.: 06105-26578, E-mail: ernst.knoess@googlemail.com; Besuchen Sie auch unsere Webseite: www.naturfreunde-moerfelden-walldorf.de  


[1] Ernst Knöß (Diplomvolkswirt) geb. 1950 studierte Gesellschaftswissenschaften in Berlin (Schwerpunkt Philosophie). Volkswirtschaftslehre in Frankfurt am Main. Außerdem Studien in Kernchemie (TU-Darmstadt) und der Rechtswissenschaften in Frankfurt am Main.

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