Evolution und der Zauber der Wirklichkeit 15

Frühstücksrunde am Sonntagvormittag

Am Sonntag, den 29. September 2019 um 10:00 Uhr im Naturfreundehaus Mörfelden-Walldorf,
Seminarraum 1. Etage

Der Gesang der Bäume

Olivenbaum

In der Bibel heißt es, Elias habe Baal, den falschen Gott der Kanaaniter, besiegt. Doch in den Bewässerungsanlagen von Harmagedon und den Genen der Olivenbäume im Westjordanland, die kaum Wasser brauchen, zeigt sich Baal noch immer. In den bewässerten Siedlungen und den verdorrten palästinensischen Dörfern wird seine Macht offenbar. Wenn die Armee Bauern daran hindert, Trinkwasser über die Grenze zu bringen, macht sie sich Baals Macht zunutze. Und auch auf den Märkten hört man seinen Namen. Obst und Gemüse von unbewässerten Feldern heißen auf israelischen und palästinensischen Märkten „Baal“. Allerdings sehen die Händler, soweit ich das mit meinen begrenzten Sprachkenntnissen beurteilen kann, aber auch laut Studien des Linguisten und Historikers Basem Raad, keine Verbindung zum alten Gott Baal.

Siehe die Erde, auf die Baals Regen fällt. Ein ökologisch sehr treffendes Gebet, vielleicht aus der Verzweiflung geboren. Der Zusammenhang zwischen Regen, Pollenflug und menschlichem Schicksal scheint einem Fatalismus das Wort zu reden: „Egal was wir tun oder sagen, es ändert nichts.“ Doch die Pollenfunde zeigen, dass Baals Launen zwar mächtig, Baum und Mensch ihnen aber nicht völlig ausgeliefert sind. Die Olivenpollen haben die Trockenperiode vor ungefähr dreitausend Jahren überstanden und zeugen daher von einer wenig bekannten bäuerlichen Kultur, die trotz trockener Böden erfolgreich war. Vermutlich haben Griechen, Römer und Byzantiner den dünnen, ostwärts wehenden Pollenflug aus den jüdischen Bergen geschickt durch Weinpollen aufgeplustert und so in dicke Wolken verwandelt. Sie machten durch ihre Vorliebe für Wein und Öl und ein Talent für Bewässerung und zentrale Planung, aus steinigen Böden Olivenhaine und Weinhänge. Hinzu kam ein günstiges Klima: In römischer Zeit war der Spiegel der Meere oft hoch. Doch auch in trockenen Zeiten segelten reichlich Pollen von den Bergen. Durch Pilatus‘ Aquädukte in Jerusalem und zahllose andere römische Wasserprojekte wurde das Verhältnis zwischen Menschen und Baal auf eine neue Grundlage gestellt. Obwohl es auch Zeiten mit guten klimatischen Bedingungen und trotzdem wenig Olivenpollen gab. In den fruchtbaren Perioden der Bronzezeit sank die Pollenmenge ab und zu, weil die Bauern die Haine durch Kriege oder politische Unwägbarkeiten nicht bestellen konnten. Und in der späten Eisenzeit, ungefähr zwischen 750 und 550 vor unserer Zeitrechnung, wurde die Olivenkultur der blühenden Königreiche von Juda und Israel durch den Einfall der Assyrer und Babylonier ruiniert. Baal ja, aber wenn der soziale Kontext zerreißt, können sich Bauern und Bäume nicht verflechten, und die Ernte bleibt aus.

Die Olivenhaine im Nahen Osten sind – genauso wie die tierischen Gemeinschaften in den Bromelien des Regenwalds, die Wurzeln der borealen Tannen oder die Chinesischen Wildbirnen auf Manhattans Straßen – auf eine stabile Beziehung zu anderen Arten angewiesen. Die wichtigste Art im Olivenbaumnetzwerk ist der Homo sapiens. Wenn die Beziehung zum Menschen reißt, stirbt der Baum so sicher, als würde er gefällt. Die Kriege der Bronzezeit, die Einfälle der Babylonier und die heutigen Grenzzäune sind mächtiger als Baals Geschenk. Sonst fruchtbares Land verkümmert, wenn die für Mensch und Baum lebensstiftende Verbindung gestört ist.

Und nicht nur die aktuelle Beziehung wird durch Krieg und Vertreibung gekappt. Wenn der Mensch eine Region verlässt, geht auch das Wissen darüber verloren. Ob die Waorani durch die Ölindustrie aus dem Regenwald vertrieben werden, die nordamerikanischen Indianer von Siedlern ermordet und verjagt wurden, die Judäer sich in babylonische Gefangenschaft begeben mussten, die Palästinenser nach der nakba ihr Land verloren oder ob Menschen in friedlichen Zeiten vor der unrentablen Landwirtschaft aus den Dörfern flüchten: Mit ihnen verschwinden auch die Erinnerungen, die in die Beziehungen der Menschen mit anderen Arten eingeschrieben sind. Wir können unsere Erinnerungen im Exil aufschreiben und bewahren, aber das Wissen, das aus einer lebendigen Beziehung entsteht und sich weiterentwickelt, stirbt. Das Netzwerk des Lebens, das bleibt, ist nicht mehr so intelligent, produktiv, resilient und erfinderisch wie zuvor.

Vertreibung und Verlust werden an die Nachfahren weitergegeben. Doch sie können auch neue Beziehungen knüpfen und ein neues Lebensgeflecht weben, das noch schöner und widerstandsfähiger ist. Die Omaere Foundation in Ecuador übernimmt erodiertes Land, kultiviert es wieder und fördert die Beziehung von Menschen und botanischer Gemeinschaft, indem sie das Wissen der Großeltern an Aberhunderte junger Menschen weitergibt. Teresa Shiki, eine Shuar und Mitbegründerin von Omaere, hat einmal zu mir gesagt: „Steck das Notizbuch ruhig weg. Was man aufschreibt, stirbt doch. Nur was man in Beziehungen lebt, überdauert die Zeiten.“ Wenn das New Yorker Amt für Parkpflege und Erholung die Nachbarschaft in die Baumpflege einbezieht, entstehen lebendige Beziehungen, die nicht so vielfältig sind wie im Regenwald, aber Mensch und Baum besser leben lassen. Wie ehemalige politische Feinde miteinander reden, können in den borealen Wäldern gelebte Erfahrungen nun zu einem Gedankennetzwerk verknüpft werden, das aus dem Leben des Waldes entsteht. Und Canaan Fair Trade, der palästinensische Fairtrade-Verband und das israelische Landwirtschaftsministerium wollen Beziehungsnetzwerke und Gespräche fördern, um das Zusammenleben von Menschen und Baum besser zu verstehen, besser zu schützen und das Wissen darüber zu bewahren.

 

David George Haskell Der Gesang der Bäume. Verlag Antje Kunstmann GmbH München 2017. S. 265, 266, 267.

 

Einblicke in die Thematik vermitteln und die Diskussionsreihe leiten wird Ernst Knöß[1]. Die weiteren Termine werden rechtzeitig bekannt gegeben. Eingeladen sind alle Menschen guten Willens, die einen anregenden Sonntagmorgen genießen wollen.

Auskünfte zum Thema und zur Veranstaltung erteilt: Ernst Knöß, Schubertstraße 9, 64546 Mörfelden-Walldorf. Tel.: 06105-26578, E-mail: ernst.knoess@googlemail.com; Besuchen Sie auch unsere Webseite: www.naturfreunde-moerfelden-walldorf.de  


[1] Ernst Knöß (Diplomvolkswirt) geb. 1950 studierte Gesellschaftswissenschaften in Berlin (Schwerpunkt Philosophie). Volkswirtschaftslehre in Frankfurt am Main. Außerdem Studien in Kernchemie (TU-Darmstadt) und der Rechtswissenschaften in Frankfurt am Main.

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