Evolution und der Zauber der Wirklichkeit 14

Frühstücksrunde am Sonntagvormittag

Am Sonntag, den 8. September 2019 um 10:00 Uhr im Naturfreundehaus Mörfelden-Walldorf,
Seminarraum 1. Etage

Pflanzenrevolution Wie die Pflanzen unsere Zukunft erfinden

Jellyfish Barge – Das schwimmende Gewächshaus

Jellyfish Barge wurde schließlich als italienisches Produkt auf der Expo 2015 in Mailand präsentiert. Hunderttausende konnten dort zusehen, wie das Gewächshaus in dem alten Hafenbecken, der Darsena, schwamm. Inzwischen wurde Jellyfish in vielen Städten der Welt gezeigt und mehrfach international ausgezeichnet, unter anderem mit einer renommierten UN-Auszeichnung. Mehrere Architekturpreise beweisen zudem, dass Jellyfish Barge außergewöhnlich schön ist. Doch die Investoren lässt das alles kalt. Der Markt hat offenbar kein Interesse an einem Gewächshaus, das Gemüse erzeugt, ohne Ressourcen zu verbrauchen. Vielleicht stimmt doch, was ein Kollege einmal, nicht ohne eine gewisse Genugtuung, gesagt hat: „Ein Projekt gewinnt entweder Preise oder verkauft sich am Markt.“ JB schient zu denen zu gehören, die Preise gewinnen.

Es ist ein Jammer. Natürlich könnte Jellyfish noch besser, effizienter oder produktiver sein, aber das Wichtigste ist doch, dass das Gewächshaus funktioniert. Man muss sich nur einmal klarmachen, was es für die Lebensmittelproduktion bedeutet, ohne fruchtbare Erde, ohne Süßwasser und allein mit Solarenergie auszukommen. Ich hatte gedacht, die Interessenten würden Schlange stehen und könnten es kaum erwarten, aus unserem Prototyp ein Serienprodukt zu entwickeln. Wir hatten so schnell einen Sponsor gefunden, der an unsere Idee glaubte, also müssten wir doch noch schneller, so dachten wir alle, ein Unternehmen finden, das sich für den mehrfach ausgezeichneten Prototyp interessierte. Doch weit gefehlt. Nichts als ein paar laue Interessenten, die bald wieder absprangen. Bestimmt lag das auch an uns, mehr aber noch an den ehernen Regeln des Marktes und seinen merkwürdigen Gepflogenheiten. Man taucht in eine ritualisierte und häufig provinzielle Welt ein, deren Anforderungen die meisten Forscher abschrecken.

So kann man heute beispielsweise nirgendwo mehr ohne einen Businessplan aufkreuzen. Man wird danach gefragt, noch ehe man überhaupt seinen Namen genannt hat. „Haben Sie denn einen Businessplan?“ Dann folgen auf ein kurzes ungläubiges Schweigen im besten Fall ein höfliches, enttäuschtes Kopfschütteln und schließlich der Hinweis, dass man unter diesen Umständen leider nicht weiterhelfen könne. Doch die Liebenswürdige Variante ist eher selten, den meisten gelingt es kaum, ihre Verachtung zu verbergen. Wie jetzt? Sie wollen mir kostbare Minuten meiner wertvollen Zeit rauben und kommen ohne Businessplan? Haben Sie denn wenigstens einen Elevator Pitch? Einen was?

Was zu viel ist, ist zu viel! Wir haben es trotzdem versucht und damit viel Zeit verloren. Wir haben einen fantastischen Elevator Pitch und einen überzeugenden Businessplan erarbeitet. Wir wollten uns den Anforderungen der Wirtschaft schließlich nicht entziehen. Aber es hat alles nichts genützt. Um nur ein Beispiel zu nennen: Wie aus dem Businessplan hervorging, lagen die Produktionskosten für einen Jellyfish-Salatkopf höher als beim herkömmlichen Anbau. Nicht viel, aber doch ein bisschen. Würde man allerdings beim herkömmlichen Anbau im normalen Gewächshaus die Kosten für Umwelt und Ressourcenverbrauch mitberücksichtigen, fiele der Vergleich völlig anders aus – und zwar eindeutig zu Gunsten des Jellyfish-Salats. Aber das interessiert niemanden, weil unsere Umwelt und gewissermaßen die ganze Erde, auf der wir leben, ja nichts kosten. So wie für Ricardo 1817. Man könnte meinen, es habe sich in den letzten zwei Jahrhunderten nichts geändert. Die Ressourcen, die uns allen gehören, darf jeder umsonst und vollkommen ohne Businessplan verbrauchen. Die Wirtschaft interessiert nur, wie sie ihre Gewinne steigern kann, aber nicht, wie man die Menschheit ernährt, ohne wertvolle Ressourcen zu verbrauchen. Das ist höchstens was für Durchgeknallte, vielleicht noch für Papst Franziskus, aber nichts, was die Herren des Geldes angehen würde. Aber wir lassen uns nicht entmutigen. Irgendwann wird uns nämlich nichts anderes übrigbleiben, als Lebensmittel im Meer anzubauen. Und dann wird sich bestimmt jemand an Jellyfish Barge erinnern, an ein Gewächshaus, das funktioniert und nur auf seinen Einsatz wartet.

 

Stefano Mancuso: Pflanzen – Revolution. Verlag Antje Kunstmann GmbH München 2018. S. 241, 242, 243.

 

Einblicke in die Thematik vermitteln und die Diskussionsreihe leiten wird Ernst Knöß[1]. Die weiteren Termine werden rechtzeitig bekannt gegeben. Eingeladen sind alle Menschen guten Willens, die einen anregenden Sonntagmorgen genießen wollen.

Auskünfte zum Thema und zur Veranstaltung erteilt: Ernst Knöß, Schubertstraße 9, 64546 Mörfelden-Walldorf. Tel.: 06105-26578, E-mail: ernst.knoess@googlemail.com; Besuchen Sie auch unsere Webseite: www.naturfreunde-moerfelden-walldorf.de  


[1] Ernst Knöß (Diplomvolkswirt) geb. 1950 studierte Gesellschaftswissenschaften in Berlin (Schwerpunkt Philosophie). Volkswirtschaftslehre in Frankfurt am Main. Außerdem Studien in Kernchemie (TU-Darmstadt) und der Rechtswissenschaften in Frankfurt am Main.

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