Albert Einstein 39

Frühstücksrunde am Sonntagvormittag

Am Sonntag, den 12. August 2018 um 10:00 Uhr im Naturfreundehaus Mörfelden-Walldorf Seminarraum 1. Etage

Im September 1947 besuchte Usborne (Henry Charles Usborne E.K.) die Vereinigten Staaten, wo er warm begrüßt wurde. Pläne wurden ausgearbeitete, für die „Weltkongress“-Bewegung auch in Amerika zu werben. Das Notstandskomitee der Atomwissenschaftler trug zur Finanzierung der Reise Usbornes bei, der am 28. September 1947 Einstein in Princeton besuchte.

Inzwischen gab es in den Vereinigten Staaten weitere Erörterungen über die Beziehungen zwischen der Wissenschaft und dem Militär. In der Zeitschrift The American Scholar (Frühjahrsnummer 1947) veröffentlichte der Dekan der Graduate School der Universität von Illinois, Louis N. Ridenour, einen Artikel unter der Überschrift „Military Support of American Science, a Danger?“ („Wird die amerikanische Wissenschaft durch die Unterstützung des Militärs gefährdet?“).

Ridenour verneinte die Frage. Er erklärte, die Spitzen der Landesverteidigung verstünden die Erfordernisse der theoretischen Forschung, die großenteils jetzt sehr bedeutende Mittel verschlinge, wie die nur die Regierung zur Verfügung stellen können. Im Zeitalter des totalen Krieges hänge das ganze menschliche Leben mit der Kriegsfrage zusammen. Das Problem liege daher mehr in der Moralität des Krieges als in der Entwicklung spezifischer Waffen. Außerdem sei auf den meisten Gebieten die Geheimhaltung der Forschungsergebnisse nicht mehr nötig. Im Übrigen steht es den Wissenschaftlern frei, ob sie die Unterstützung der Regierung annehmen wollten oder nicht.

Auf den Artikel Ridenours folgte in der Sommerausgabe des Magazins eine Reihe positiver, teils negativer Reaktionen (zu den Schreibern gehörten Aldous Huxley, Vannevar Bush und Norbert Wiener). Einsteins Beitrag führte den Titel „The Military Mentality“ („Die militärische Mentalität“).

Das Entscheidende in der hier diskutierten Situation scheint mir darin zu liegen, dass das vorliegende Problem in seiner Isolierung nicht erörtert werden kann. Zunächst muss man fragen: Es ist heute so, dass die Institute für Lehre und Forschung in steigendem Maße aus Zuwendungen des Staates erhalten werden müssen, da private Mittel aus verschiedenen Gründen nicht ausreichen werden. Ist es an sich vernünftig, die durch Besteuerung für diesen Zweck aufgebrachten Beträge durch das Militär verteilen zu lassen? Auf diese Frage wird gewiss jeder vernünftige Mensch mit „Nein“ antworten. Denn es ist klar, dass die schwierige Aufgabe einer optimalen Verteilung in die Hände von Personen gelegt werden sollte, welche durch ihre Ausbildung und Lebensarbeit den Beweis geliefert haben, dass sie von Wissenschaft und Gelehrsamkeit etwas verstehen.

Wenn vernünftige Menschen trotzdem dafür eintreten, dass ein großer Teil der verfügbaren Mittel durch militärische Organe verteilt werden sollen, so liegen die Gründe für diese Haltung darin, dass die kulturellen Interessen der politischen Gesamteinstellung untergeordnet werden. Auf diese politische Gesamteinstellung, ihren Ursprung und ihre Bedeutung müssen wir unsere Aufmerksamkeit lenken. Tun wir dies, so erkennen wir bald, dass das der Diskussion zugrunde liegende Problem nur eines von vielen ist und nur dann voll gewürdigt und richtig beurteilt werden kann, wenn es in einen weiteren Rahmen hineingestellt wird.

Die erwähnte Einstellung aber ist für Amerika etwas Neues. Sie liegt darin, dass unter dem Einfluss der beiden Weltkriege und der durch sie bedingten Konzentration aller Kräfte auf das militärische Ziel sich eine vorwiegend militärische Mentalität entwickelt hat, die durch den so vollständigen Sieg noch verstärkt worden ist. Diese Mentalität liegt darin, dass man die Bedeutung dessen was Bertrand Russel so treffend als „naked power“ bezeichnet, weit über alle anderen Faktoren stellt, welche für die Relationen zwischen den Völkern maßgebend sind. Die Deutschen haben, insbesondere verführt durch die Erfolge Bismarcks, eine Wandlung zu einer solchen militärischen Mentalität erfahren, durch deren Folgen sie in weniger als hundert Jahren ruiniert wurden. Ich muss offen bekennen, dass mich das außenpolitische Verhalten der Vereinigten Staaten seit Beendigung der Feindseligkeiten oft unwiderstehlich an das Verhalten des Wilhelminischen Deutschlands erinnert, und ich weiß, dass auch anderen ganz unabhängig von mir diese Analogie peinlich aufgefallen ist.

Charakteristisch für die militärische Einstellung ist es, dass sie in der Hauptsache nur außer menschliche Faktoren (Atombomben, strategische Stützpunkte, Waffen jeglicher Art, Besitz an Rohmaterialien) als wesentlich, aber den Menschen, seine Wünsche und Gedanken, kurz den psychologischen Faktor als unwichtig und untergeordnet betrachtet. Hierin ähnelt sie bis zu einem gewissen Grade dem Marxismus, wenigstens solange man dessen theoretische Seite alleine ins Auge fasst. Der Mensch selber aber sinkt zum bloßen Mittel herab („Menschenmaterial“). Die normalen Ziele menschlichen Strebens verschwinden bei solcher Einstellung. Um diese Lücke auszufüllen, erhebt die militärische Mentalität die „naked power“ selbst zum unabhängigen Ziel – eine der sonderbarsten Illusionen, denen Menschen zum Opfer fallen können.

Die militärische Mentalität ist in unserer Zeit noch gefährlicher als früher, weil sich die Angriffswaffen viel stärker entwickelt haben als die Verteidigungswaffen. Sie führt deshalb notwendigerweise zum Präventivkriege. Die damit verbundene allgemeine Unsicherheit hat zur Folge, dass innenpolitisch die Rechte der Bürger dem vermeintlichen Staatswohl geopfert werden. Gesinnungsschnüffelei, Bevormundung jeder Art (zum Beispiel Bevormundung des Lehrwesens und der Forschung, der Presse) erscheinen unvermeidlich und finden deshalb nicht den Widerstand in der Bevölkerung, der bei Abwesenheit der militärischen Mentalität Schutz bieten würde. Eine Umwertung aller Werte findet allmählich statt, in dem alles als minderwertig angesehen und behandelt wird, was nicht sichtbar dem utopischen Ziele dient.

Ich sehe keinen anderen Ausweg unter den heutigen Bedingungen als weitschauende, ehrliche und mutige Politik mit dem Ziele der Sicherheit auf übernationaler Grundlage. Wollen wir hoffen, dass sich genügend viele und starke Menschen finden, welche die Nation auf diesen Weg führen, solange ihr eine führende Rolle durch die äußeren Verhältnisse geboten ist. Dann wird es Probleme von der Art der hier diskutierten überhaupt nicht mehr geben.

Albert Einstein: Über den Frieden, Hebrew University of Jerusalem, Israel 2004. Abraham Melzer Verlag Neu-Isenburg 2004. Sonderausgabe für Parkland Verlag Köln 2004. S. 431,432, 433.

Le Monde Sonderbeilage Juli Sept. 2015 (Hors-Série)

 

Einblicke in die Thematik vermitteln und die Diskussionsreihe leiten wird Ernst Knöß[1]. Die weiteren Termine werden rechtzeitig bekannt gegeben. Eingeladen sind alle Menschen guten Willens, die einen anregenden Sonntagmorgen genießen wollen.

Auskünfte zum Thema und zur Veranstaltung erteilt: Ernst Knöß, Schubertstraße 9, 64546 Mörfelden-Walldorf. Tel.: 06105-26578, E-mail: ernst.knoess@googlemail.com; Besuchen Sie auch unsere Webseite: www.naturfreunde-moerfelden-walldorf.de  


[1] Ernst Knöß (Diplomvolkswirt) geb. 1950 studierte Gesellschaftswissenschaften in Berlin (Schwerpunkt Philosophie). Volkswirtschaftslehre in Frankfurt am Main. Außerdem Studien in Kernchemie (TU-Darmstadt) und der Rechtswissenschaften in Frankfurt am Main.

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