Evolution und der Zauber der Wirklichkeit 2

Frühstücksrunde am Sonntagvormittag

Am Sonntag, den 4. November 2018 um 10:00 Uhr im Naturfreundehaus Mörfelden-Walldorf-Seminarraum 1. Etage

„Als ich mit meiner beruflichen Laufbahn als Förster begann, kannte ich vom geheimen Leben der Bäume ungefähr soviel wie ein Metzger von den Gefühlen der Tiere. Die moderne Forstwirtschaft produziert Holz, sprich, sie fällt Stämme und pflanzt anschließend wieder neue Setzlinge. Liest man die Fachzeitschriften, entsteht schnell der Eindruck, dass das Wohl des Waldes nur insofern interessiert, als es hinsichtlich einer optimalen Betriebsführung notwendig ist. Für den Försteralltag reicht dies auch und allmählich verbiegt sich dabei der Blick. Da ich täglich hunderte von Fichten, Buchen, Eichen oder Kiefern im Hinblick darauf taxieren muss, wozu sie im Sägewerk taugen und wie hoch ihr Vermarktungswert ist, wurde meine Wahrnehmung auf dieses Sichtfeld eingeengt.

Vor rund 20 Jahren fing ich an, mit Touristen Survivaltrainings und Blockhüttentouren zu veranstalten. Später kamen noch ein Bestattungswald und Urwaldreservate hinzu. In Gesprächen mit den vielen Besuchern wurde mein Waldbild wieder geradegerückt. Krumme, knorrige Bäume, die ich damals noch als minderwertig einordnete, riefen bei Wanderern Begeisterung hervor. Ich lernte zusammen mit ihnen, nicht nur auf die Stämme und deren Qualität zu achten, sondern auch auf bizarre Wurzeln, besondere Wuchsformen oder zarte Moospolster auf der Rinde. Meine Naturliebe, die mich schon als sechsjährigen umgetrieben hatte, entflammte aufs Neue. Plötzlich entdeckte ich unzählige Wunder, die ich mir kaum erklären konnte. Zudem begann die Universität Aachen mit regelmäßigen Forschungsarbeiten in meinem Revier. Viele Fragen wurden dabei beantwortet, zahllose weitere tauchten auf. Das Leben als Förster wurde wieder spannend, jeder Tag im Wald zu einer Entdeckungsreise. Das erforderte bei der Waldbewirtschaftung ungewohnte Rücksichtnahmen. Wer weiß, dass Bäume Schmerz empfinden und ein Gedächtnis haben und dass Baumeltern mit ihren Kindern zusammenleben, der kann sie nicht mehr so einfach fällen und mit Groß-Maschinen zwischen ihnen herumwüten. Seit zwei Jahrzehnten schon sind diese aus meinem Revier verbannt, und wenn doch einmal einzelne Stämme geerntet werden, dann erledigen Waldarbeiter die Arbeiten behutsam zusammen mit ihren Pferden. Ein gesunder, vielleicht sogar glücklicher Wald ist wesentlich produktiver, und das bedeutet zugleich höhere Einnahmen. Dieses Argument überzeugte auch meinen Arbeitgeber, die Gemeinde Hümmel, und so kommt in dem winzigen Eifel Dorf auch künftig keine andere Wirtschaftsweise infrage. Die Bäume atmen auf und verraten noch mehr Geheimnisse, vor allem jene Gruppen, die in den neu eingerichteten Schutzgebieten leben und hier völlig ungestört sind. Ich werde nie aufhören, von ihnen zu lernen, doch allein das, was ich bisher dort unter dem Blätterdach entdeckt habe, hätte ich mir früher nie erträumt.

Ich lade sie ein, mit mir das Glück zu teilen, das Bäume uns geben können. Und wer weiß, vielleicht entdecken Sie ja bei ihrem nächsten Waldspaziergang selbst kleine und große Wunder.“

Peter Wohlleben: Das geheime Leben der Bäume; Verlagsgruppe Random Hause GmbH 2015 Ludwig Verlag München 35. Auflage, S. 7,8.

 

Einblicke in die Thematik vermitteln und die Diskussionsreihe leiten wird Ernst Knöß[1]. Die weiteren Termine werden rechtzeitig bekannt gegeben. Eingeladen sind alle Menschen guten Willens, die einen anregenden Sonntagmorgen genießen wollen.

Auskünfte zum Thema und zur Veranstaltung erteilt: Ernst Knöß, Schubertstraße 9, 64546 Mörfelden-Walldorf. Tel.: 06105-26578, E-mail: ernst.knoess@googlemail.com; Besuchen Sie auch unsere Webseite: www.naturfreunde-moerfelden-walldorf.de  


[1] Ernst Knöß (Diplomvolkswirt) geb. 1950 studierte Gesellschaftswissenschaften in Berlin (Schwerpunkt Philosophie). Volkswirtschaftslehre in Frankfurt am Main. Außerdem Studien in Kernchemie (TU-Darmstadt) und der Rechtswissenschaften in Frankfurt am Main.