Evolution und der Zauber der Wirklichkeit 17

Frühstücksrunde am Sonntagvormittag

Am Sonntag, den 10. November 2019 um 10:00 Uhr im Naturfreundehaus Mörfelden-Walldorf,
Seminarraum 1. Etage

Die Wurzeln des guten Geschmacks

Stefano Mancuso & Carlo Petrini

Mancuso: Die Pflanzenwelt könnte uns heute – du hast ja vorhin die Paradigmen erwähnt – als ein hervorragendes, zeitgemäßes Modell dienen. Was die Menschheit bisher erschaffen hat, orientierte sich ja unweigerlich am Menschen selbst. Der Mensch ist zentralistisch organisiert, weil sein Gehirn alle anderen Organe steuert. Unser Körper ist hierarchisch aufgebaut, und das spiegelt sich in allem, was wir erschaffen: Unsere Gesellschaften sind hierarchisch; und auch unsere Vorrichtungen, die Geräte und Maschinen, die wir für unterschiedlichste Zwecke einsetzen, haben wir sozusagen nach unserem Ebenbild konstruiert: mit einer streng hierarchischen Beziehung zwischen der Befehlszentrale und allem anderen, was davon abhängt. Bei den Pflanzen finden wir nun bei genauem Hinschauen ein vollkommen anderes Organisationssystem. Obwohl sie zweifellos nicht weniger komplex sind als Tiere, haben sie einen anderen Weg eingeschlagen, und ihr Körper ist darum völlig anders gebaut. Pflanzliche Organismen bestehen aus mehrfach vorhandenen Modulen. Sie ähneln eher einem Insektenvolk als einem einzelnen Individuum. Anders gesagt: Pflanzen sind nicht zentralistisch organisiert. Alle ihre Funktionen sind großflächig verteilt und nicht einem Einzelorgan zugewiesen. Die Pflanze ist gewissermaßen das Ameisenvolk. Keine einzelne Ameise, das ganze Volk. Mit dem Vergleich kommt man der Bau- und Funktionsweise von Pflanzen am nächsten. Das Erkundungsverhalten der Wurzelstöcke, die im Boden nach Nährstoffen suchen, beschreibt die Wissenschaft neuerdings sogar mit Modellen des Schwarmverhaltens, das sonst Insektenstaaten charakterisiert.

Der Pflanzenkörper besteht aus sich wiederholenden Grundmodulen; er ist redundant gebaut, würde man heute sagen, mit mehrfach identischen Bauelementen, die interagieren und unter bestimmten Bedingungen allein und autonom überleben können. Pflanzen besitzen zudem keine lebenswichtigen Einzelorgane. Eine weise Entscheidung, wenn man bedenkt, dass Pflanzen ständig von Fressfeinden angegriffen werden und somit einen Körper besitzen, der das überlebt.

Bei Pflanzen sind Intelligenz und Steuerung also breit gestreut, mehrfach angelegt und stark verästelt: Die einzelnen Module können sich selbst steuern. Das meinte ich vorhin auch, als ich sagte, deine Organisation – mit den zahlreichen kleinen, autonomen Presidi oder Förderkreisen, die auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten – haben viel von einer Pflanze.

Und das erinnert mich daran, dass ich in Indien einmal ein Fresko mit einer Darstellung der indischen Kastengesellschaft gesehen habe. Das Fresko zeigt einen menschlichen Körper: Die obere Kaste, die Brahmanen, waren der Kopf, die Soldaten die Arme, die Händler die Beine, die Bauern und gewöhnliche Städter der Bauch und die Unberührbaren schließlich die Füße. Heutzutage wären die Pflanzen ein viel interessanteres Vorbild für uns. Und nicht nur irgendeins: Sie sind nämlich nicht nur anders gebaut als wir, sondern haben es auch geschafft, dass so gut wie alles Leben auf der Erde pflanzlich ist. Die Pflanzen sind dezentral gebaut, und wenn der Mensch ein dezentrales Gebilde entwickeln musste, wie eine komplexe, klug strukturierte Organisation, dann hat er sich unbewusst schon immer an der Pflanzenwelt orientiert.

Denk bloß mal an das Internet. Das riesige, globale Netz entstand in den 70er Jahren zunächst als Datenübermittlungssytem für die amerikanischen Militärstützpunkte und hieß damals Arpanet. Es sollte robust sein und auch dann noch überlebensfähig, wenn große Netzteile verloren gingen. Vor Arpanet hing die Kommunikation zwischen den militärischen, aber auch zivilen Standorten der US-Verteidigung von einer Kommandozentale ab, die alle Informationen weiterleitete. So wie unser Gehirn. Damit fehlte dem System aber die Robustheit und Widerstandsfähigkeit, die ein militärisches Netzwerk braucht. Ein einziger gezielter Angriff auf die Kommandozentrale und mit der Verteidigungsfähigkeit der USA wäre es vorbei gewesen. Also schuf man ein dezentrales System ohne Kommandozentrale, das sich dann weltweit verbreitete und schließlich zu unserem Internet wurde.

Kommandozentralen haben unweigerlich eine strukturelle Schwäche. Der Mensch ist stolz auf seinen klug gebauten Körper, aber was die Widerstandsfähigkeit angeht, ist wohl klar, dass ihm grundlegende Sicherheitsvorkehrungen fehlen. Und dass Kommandozentralen zwangsläufig ein Schwachpunkt sind, ist auch keine neue Erkenntnis. Als eine der ersten haben das schon Karl Marx und Friedrich Engels erkannt, als sie schrieben: “Alles Ständische und Stehende verdampft…“ Und wenn ich mich recht erinnere, war dieser Satz aus dem Manifest der Kommunistischen Partei - der sich auf die Sprengkraft des Gesellschaft, Wirtschaft, Klassen und Hierarchien mit sich fortreißenden Kapitalismus bezieht – auch der Titel des interessanten Buchs von Marshall Berman über die Erfahrungen der Moderne, „All that is solid melts into air“. Aber was heißt das nun? Um nur ein Beispiel zu nennen: dass der zentral gelenkte Staat als Verkörperung der Moderne früher oder später zusammenbrechen muss, dass alle zentralistischen und hierarchischen Organisationen, die wir ja für besonders stark und unverrückbar halten, in Wahrheit äußerst fragil sind. Wenn wir eine widerstandsfähige Gesellschaft und eine sichere Zukunft haben wollen, sollten wir uns darum besser die Bau- und Funktionsweise der Pflanzen zum Vorbild nehmen.

Stefano Mancuso, Carlo Petrini: Die Wurzeln des guten Geschmacks. Warum sich Köche und Bauern verbünden müssen. Verlag Antje Kunstmann GmbH München 2016. S. 43 bis 46.

 

Einblicke in die Thematik vermitteln und die Diskussionsreihe leiten wird Ernst Knöß[1]. Die weiteren Termine werden rechtzeitig bekannt gegeben. Eingeladen sind alle Menschen guten Willens, die einen anregenden Sonntagmorgen genießen wollen.

Auskünfte zum Thema und zur Veranstaltung erteilt: Ernst Knöß, Schubertstraße 9, 64546 Mörfelden-Walldorf. Tel.: 06105-26578, E-mail: ernst.knoess@googlemail.com; Besuchen Sie auch unsere Webseite: www.naturfreunde-moerfelden-walldorf.de  


[1] Ernst Knöß (Diplomvolkswirt) geb. 1950 studierte Gesellschaftswissenschaften in Berlin (Schwerpunkt Philosophie). Volkswirtschaftslehre in Frankfurt am Main. Außerdem Studien in Kernchemie (TU-Darmstadt) und der Rechtswissenschaften in Frankfurt am Main.