Evolution und der Zauber der Wirklichkeit 13

Frühstücksrunde am Sonntagvormittag

Am Sonntag, den 18. August 2019 um 10:00 Uhr im Naturfreundehaus Mörfelden-Walldorf,
Seminarraum 1. Etage

Das verborgene Leben des Waldes

Medizin

Ginseng, Yams und Maiapfel sind allesamt Pflänzchen, die als nährstoffreiche, unterirdische Rhizome oder Knollen überwintern. Dieser Lebensstil erklärt auch, warum sie so reich an heilenden Stoffen sind. Im Gegensatz zu den hochmobilen Tieren oder dickrindigen Bäumen sind die ortsfesten, dünnhäutigen Pflanzen Säugetieren und Insekten wehrlos ausgesetzt. Für Möchtegern-Räuber sind ihre unterirdischen Nährstofflager darum außerordentlich attraktiv. Weil sie nicht fliehen oder sich hinter dicken Wänden verstecken können, besteht ihre einzige Verteidigungsmöglichkeit darin, ihren Körper mit Stoffen zu tränken, die Magen, Nerven und Hormone ihrer Feinde schädigen. Und weil die natürliche Selektion die Abwehrstoffe speziell auf die Physiologie von Tieren zugeschnitten hat, können die Gifte in den Händen umsichtiger Menschen zu Medizin werden. Mit der richtigen Dosis können Naturheilkundige das Verteidigungsarsenal der Pflanzen in eine beeindruckende Sammlung aus Stimulanzien, Blutverdünnern, Hormonen und anderen Heilmitteln verwandeln.

Die Heilpflanzen im Mandala und die Medikamente in meinem Blut sind Vertreter einer ausgesprochen zahlreichen Gruppe: Ein Viertel aller Rezepte wird auf Arzneimittel ausgestellt, die direkt aus Pflanzen, Pilzen und anderen lebenden Organismen gewonnen wurden. Und viele der übrigen verschiedenen Medikamente beruhen auf modifizierten Stoffen, die ursprünglich von Wildpflanzen stammen. Doch letztendlich wissen wir wenig über die komplexe chemische Welt der Pflanzenarten im Mandala. Von den zigtausenden Molekülen der zwei Dutzend sichtbaren Arten im Mandala wurde bisher nur eine Handvoll näher im Labor untersucht. Manche sind noch nicht analysiert, obwohl sie längst in der Pflanzenmedizin verwendet werden. Die unsichtbare biochemische Vielfalt des Mandalas bietet uns ein Potenzial, das noch darauf wartet, erforscht zu werden.

Meine Erfahrung mit den pflanzlichen Arzneimitteln hat mich gelehrt, dass sich meine Verwandtschaft mit den Mandalabewohnern bis in die winzigsten Moleküle hinein erstreckt. Bislang bedeutete Verwandtschaft für mich vor allem Abstammungslinien am Evolutionsbaum und gemeinsame ökologische Beziehungen. Nun weiß ich, dass mein physisches Dasein bis ins Innerste mit der Gemeinschaft des Lebens verknüpft ist. Weil Pflanze und Tier in einen uralten biochemischen Kampf verstrickt sind, bin ich, über die Architektur meiner Moleküle, mit dem Wald verbunden.

 

David George Haskell: Das verborgene Leben des Waldes – Ein Jahr Naturbeobachtung -. Deutsche Ausgabe Verlag Antje Kunstmann GmbH München 2015. S. 209, 210, 211.

 

Einblicke in die Thematik vermitteln und die Diskussionsreihe leiten wird Ernst Knöß[1]. Die weiteren Termine werden rechtzeitig bekannt gegeben. Eingeladen sind alle Menschen guten Willens, die einen anregenden Sonntagmorgen genießen wollen.

Auskünfte zum Thema und zur Veranstaltung erteilt: Ernst Knöß, Schubertstraße 9, 64546 Mörfelden-Walldorf. Tel.: 06105-26578, E-mail: ernst.knoess@googlemail.com; Besuchen Sie auch unsere Webseite: www.naturfreunde-moerfelden-walldorf.de  


[1] Ernst Knöß (Diplomvolkswirt) geb. 1950 studierte Gesellschaftswissenschaften in Berlin (Schwerpunkt Philosophie). Volkswirtschaftslehre in Frankfurt am Main. Außerdem Studien in Kernchemie (TU-Darmstadt) und der Rechtswissenschaften in Frankfurt am Main.