Evolution und der Zauber der Wirklichkeit 1

Frühstücksrunde am Sonntagvormittag

Am Sonntag, den 14. Oktober 2018 um 10:00 Uhr im Naturfreundehaus Mörfelden-Walldorf-Seminarraum 1. Etage

„Blättern wir in dem Wachtturm-Buch weiter, so stoßen wir auf die Pfeifenwinde (Aristolochia trilobata), eine wunderschöne Pflanze, deren elegante Teile so aussehen, als seien sie absichtlich zu dem Zweck konstruiert, Insekten einzufangen, mit Pollen zu bepudern und sie dann auf die Reise zu einer anderen Pfeifenwinde zu entlassen. Die raffinierte Eleganz der Blüte veranlasst die Wachtturm-Autoren zu der Frage, ob dies alles wohl durch Zufall oder durch intelligente Gestaltung entstanden sei. Noch einmal: Natürlich ist es nicht durch Zufall entstanden. Und noch einmal: Auch intelligente Gestaltung ist keine angemessene Alternative. Die natürliche Selektion ist nicht nur eine sparsame, plausible und elegante Lösung, sie ist auch die einzige jemals vorgeschlagene Alternative zum Zufall, die wirklich funktioniert.

Die intelligente Gestaltung unterliegt dagegen genau dem gleichen Einwand wie der Zufall: Sie ist für das Rätsel der statistischen Unwahrscheinlichkeit keine Lösung. Und je größer die Unwahrscheinlichkeit ist, desto unplausibler wird die intelligente Gestaltung. Bei genauer Betrachtung führt die These von der intelligenten Gestaltung nur zu einer Verdoppelung des Problems, denn, um es noch einmal zu sagen, der Gestalter (die Gestalterin, das Gestaltende) wirft sofort die weitergehende Frage nach seiner eigenen Entstehung auf. Ein Etwas, das etwas so Unwahrscheinliches wie die Pfeifenwinde (oder ein Universum) intelligent gestalten kann, muss noch unwahrscheinlicher sein als die Pfeifenwinde. Die Lösung „Gott“ beendet also nicht die unendliche Regression, sondern verstärkt sie ganz gewaltig.

Blättern wir im Wachtturm-Buch nochmals um, so lesen wir eine wortreiche Beschreibung des Mammutbaumes (Sequoiadendron giganteum), einer Pflanze, zu der ich eine besondere Zuneigung hege, weil ein Exemplar in meinem Garten steht. Es ist noch ein Baby, knapp über hundert Jahre alt, und doch ist es der höchste Baum im weiten Umkreis. „Der winzige Mensch, der vor dem Baum steht, kann nur in stiller Ehrfurcht staunend an diesem Riesen emporschauen. Ist es vernünftig, anzunehmen, dass dieser majestätische Riese und das winzige Samenkorn, dem er entspringt, ohne Planung zustande gekommen sind?“ Ich kann mich nur wiederholen: Wenn man glaubt, Zufall sei die einzige Alternative zur Gestaltung – nein, dann ist es nicht vernünftig. Aber auch hier erwähnen die Autoren mit keinem Wort die wirkliche Alternative, die natürliche Selektion. Entweder begreifen sie tatsächlich nicht, oder sie wollen es nicht begreifen.

Alle Pflanzen, von der winzigen Pimpernelle bis zum Mammutbaum, beziehen die Energie zu ihrem Aufbau aus der Photosynthese. Dazu wieder das Wachtturm-Buch:

An der Photosynthese sind rund 70 verschiedene chemische Reaktionen beteiligt“, sagte ein Biologe. „Die Photosynthese ist wahrhaftig etwas Wunderbares.“ Die Pflanzen sind die Fabriken der Natur genannt worden – schöne, ruhige, saubere Sauerstoffproduktionsstätten, Wasserrückgewinnungsanlagen und Nahrungsmittelfabriken für die ganze Welt. Sind sie einfach durch Zufall ins Dasein gekommen? Kann man das wirklich glauben?“

Nein man kann es nicht glauben; aber ein Beispiel nach dem anderen wiederzukäuen bringt uns nicht weiter. Die „Logik“ der Kreationisten ist immer die Gleiche: Irgendein Naturphänomen ist statistisch so unwahrscheinlich, so komplex, so schön, so ehrfurchtgebietend, dass es nicht durch Zufall entstanden sein kann. Und die Autoren können sich zum Zufall keine andere Alternative vorstellen als die absichtliche Gestaltung. Also muss es ein Gestalter getan haben.

Auch die Antwort der Wissenschaft auf diese falsche Logik ist immer die gleiche: Gestaltung ist nicht die einzige Alternative zum Zufall. Eine viel bessere Alternative ist die natürliche Selektion. Eigentlich ist Gestaltung überhaupt keine Alternative, denn sie wirft ein viel größeres Problem auf als das, welches sie zu lösen vorgibt: Wer gestaltete den Gestalter? Für das Problem der statistischen Unwahrscheinlichkeit versagen Zufall und Gestaltung als Lösung gleichermaßen, denn der Zufall ist das Problem, und die Gestaltung läuft durch Regression darauf hinaus. Dagegen ist die natürliche Selektion eine echte Lösung. Sie ist die einzige funktionierende Lösung, die jemals vorgeschlagen wurde. Und sie funktioniert nicht nur, sie ist auch von verblüffender Eleganz und Kraft.

Wie kommt es, dass die natürliche Selektion das Problem der Unwahrscheinlichkeit lösen kann, während Zufall und Gestaltung von vornherein zum Scheitern verurteilt sind? Die Antwort lautet: Natürliche Selektion ist ein additiver Prozess, der das Problem der Unwahrscheinlichkeit in viele kleine Teile zerlegt. Jedes dieser Teile ist zwar immer noch ein wenig unwahrscheinlich, aber nicht so sehr, dass sich ein echtes Hindernis ergeben würde. Folgen viele solcher mäßig unwahrscheinlichen Ereignisse in einer Reihe aufeinander, so ist das Endprodukt der Anhäufung tatsächlich so unwahrscheinlich, dass es weit außerhalb der Reichweite des Zufalles liegt. Diese Endprodukte sind der Gegenstand der gebetsmühlenhaft wiederholten kreationistsichen Argumente.

Der Kreationismus geht völlig am Wesentlichen vorbei, weil er (…) darauf besteht, das Eintreten des statistisch unwahrscheinlichen als ein einziges Ja-Nein-Ereignis zu betrachten. Die Leistung der Akkumulation begreift er einfach nicht.“

Richard Dawkins: „Der Gotteswahn;“ Ullstein Buchverlage GmbH Berlin, 3. Auflage 2017 S. 166, 167, 168.

 

Einblicke in die Thematik vermitteln und die Diskussionsreihe leiten wird Ernst Knöß[1]. Die weiteren Termine werden rechtzeitig bekannt gegeben. Eingeladen sind alle Menschen guten Willens, die einen anregenden Sonntagmorgen genießen wollen.

Auskünfte zum Thema und zur Veranstaltung erteilt: Ernst Knöß, Schubertstraße 9, 64546 Mörfelden-Walldorf. Tel.: 06105-26578, E-mail: ernst.knoess@googlemail.com; Besuchen Sie auch unsere Webseite: www.naturfreunde-moerfelden-walldorf.de  


[1] Ernst Knöß (Diplomvolkswirt) geb. 1950 studierte Gesellschaftswissenschaften in Berlin (Schwerpunkt Philosophie). Volkswirtschaftslehre in Frankfurt am Main. Außerdem Studien in Kernchemie (TU-Darmstadt) und der Rechtswissenschaften in Frankfurt am Main.