Albert Einstein 36

Frühstücksrunde am Sonntagvormittag

Am Sonntag, den 20. Mai 2018 um 10:00 Uhr im Naturfreundehaus Mörfelden-Walldorf Seminarraum 1. Etage

Einsteins Botschaft vom 5. Dezember 1953 („Menschenrechte“) wurde von der Decalogue Society am 20. Februar 1954 gehört.

Sie sind heute hier versammelt, um den Menschenrechten ihre Aufmerksamkeit zu schenken. Sie haben mir für diese Gelegenheit eine Auszeichnung zugedacht. Als ich davon hörte, fand ich es eigentlich recht deprimierend. Denn wie muss es um eine Gesellschaft bestellt sein, die nicht einen geeigneteren Kandidaten für solche Würdigung aufzuweisen scheint?

Denn ich habe in einem langen Leben all meine bescheidenen Kräfte darauf verwandt, der Natur etwas von ihren Geheimnissen abzulauschen. Nie habe ich systematisch daran gearbeitet, das Los der Menschen zu verbessern, Ungerechtigkeit und Unterdrückung zu bekämpfen und die traditionellen Formen menschlichen Zusammenseins zu verbessern. Das Einzige, was ich tat, war dies: ich habe in langen Zeitabständen eine Meinung über Zustände in der Öffentlichkeit geäußert, wenn diese mir so schlimm und geschmacklos zu sein schienen, dass ich mich geschämt habe, mich durch Schweigen zum Mitschuldigen zu machen. Dass sich solche Anlässe in den letzten Jahren gehäuft haben, hing wahrlich nicht von mir ab.

Die Existenz und Geltung von Menschenrechten steht nicht in den Sternen geschrieben. Die Ideale des Verhaltens von Menschen gegeneinander und der Gestaltung der Gemeinschaft sind im Laufe der Geschichte von erleuchteten Individuen erschaut und gelehrt worden. Diese Ideale und Überzeugungen, welche der geschichtlichen Erfahrung, der Einfühlung und dem Bedürfnis nach Schönheit und Harmonie entspringen, sind meist bereitwillig von den Menschen anerkannt, zu allen Zeiten aber von denselben Menschen unter dem Druck ihrer animalischen Instinkte in den Staub getreten worden. Die Geschichte ist zum großen Teil erfüllt vom Kampf um jene Menschenrechte, einem ewigen Kampf, in dem es keinen endgültigen Sieg geben kann und dessen Erlahmen den Ruin der Gemeinschaft bedeuten würde.

Wenn wir heute von Menschenrechten reden, dann haben wir in erster Linie die folgenden Forderungen im Auge: Sicherung des Individuums gegen willkürliche Eingriffe von Seiten anderer Individuen oder des Staates; das Recht auf Arbeit und adäquaten Arbeitsertrag; Freiheit der Diskussion und der Lehre; adäquate Beteiligung des Individuums an der Regierung.

Diese Menschenrechte sind gegenwärtig theoretisch anerkannt, wenn sie auch unter reichlicher Anwendung formal-juristischer Kunstgriffe in weit höherem Maße verletzt werden als vor einer Generation. Es gibt aber noch ein Menschenrecht, von dem wenig gesprochen wird, das aber dazu bestimmt zu sein scheint, eine wichtige Bedeutung zu erlangen: das Recht (beziehungsweise die Pflicht) des Individuums, sich von der Beteiligung an Unternehmungen auszuschließen, wenn es diese als Unrecht oder verderblich empfindet. Hierzu gehört in erster Linie die Militärdienstverweigerung. Ich habe es erlebt, dass Individuen von ungewöhnlich moralischer Stärke und Reinheit mit den staatlichen Organen auf dieser Basis in Konflikt gekommen sind. Das Nürnberger Verfahren gegen die deutschen Kriegsverbrecher hat zu stillschweigender Anerkennung des Grundsatzes geführt, dass Regierungsbefehl keine Entlastung gegenüber Verantwortung für verbrecherisches Handeln involviert; Gewissen geht über Staatsgesetz.

Gegenwärtig geht der Kampf in erster Linie um Freiheit der politischen Überzeugung und Diskussion, sowie der Forschung und Lehre. Die Kommunisten-Angst hat bei uns Formen angenommen, die unseren Staat dem Gespött der übrigen zivilisierten Menschheit ausliefern. Wie lange werden wir es dulden, dass machthungrige Politiker auf dieser Basis ihre politischen Geschäfte machen? Manchmal scheint es, dass unsere Zeit so humorlos geworden ist, dass das Wort „Lächerlichkeit tötet“ seine Geltung eingebüßt hat.

 

Albert Einstein; Über den Frieden. Albert Einstein Archives, Hebrew University of Jerusalem, Israel. 2004 Abraham Melzer Verlag Neu-Isenburg. Sonderausgabe für Parkland Verlag Köln, 2004. S. 595, 596.

Le Monde Sonderbeilage Juli Sept. 2015 (Hors-Série)

 

Einblicke in die Thematik vermitteln und die Diskussionsreihe leiten wird Ernst Knöß[1]. Die weiteren Termine werden rechtzeitig bekannt gegeben. Eingeladen sind alle Menschen guten Willens, die einen anregenden Sonntagmorgen genießen wollen.

Auskünfte zum Thema und zur Veranstaltung erteilt: Ernst Knöß, Schubertstraße 9, 64546 Mörfelden-Walldorf. Tel.: 06105-26578, E-mail: ernst.knoess@googlemail.com; Besuchen Sie auch unsere Webseite: www.naturfreunde-moerfelden-walldorf.de  


[1] Ernst Knöß (Diplomvolkswirt) geb. 1950 studierte Gesellschaftswissenschaften in Berlin (Schwerpunkt Philosophie). Volkswirtschaftslehre in Frankfurt am Main. Außerdem Studien in Kernchemie (TU-Darmstadt) und der Rechtswissenschaften in Frankfurt am Main.