Albert Einstein 28

Frühstücksrunde am Sonntagvormittag

Am Sonntag, den 12. November 2017 um 10:00 Uhr im Naturfreundehaus Mörfelden-Walldorf Seminarraum 1. Etage

(1) Über die Notwendigkeit des Zionismus

„Auf eine Anfrage an den damals 76jährigen Sozial- und Völkerpsychologen teilte Prof. Dr. Hellpach (1877 – 1955), der von 1922 bis 1924 das badische Unterrichtsministerium geleitet hat und 1925 für die Reichspräsidentenwahl als demokratischer Kandidat aufgestellt wurde, dem Herausgeber am 22. März 1953 aus Heidelberg mit, dass er den von Albert Einstein erwähnten Artikel 1929 während seiner Sommerferien auf der Riffelalp bei Zermatt für die Vossische Zeitung geschrieben habe. „Einstein“ heißt es in diesem Schreiben weiter, „bin ich leider immer nur sehr kurz begegnet. Immerhin genügte das, um von ihm den Eindruck einer höchst originellen Individualität zu empfangen. Allerdings verband sich damit auch die Impression einer gewissen Wirklichkeitsfremdheit von fast kindlicher Gutgläubigkeit, vor allem einer Fremdheit in den Realproportionen der Dinge des öffentlichen Lebens. Ich habe die gleiche Beobachtung wiederholt bei exklusiven Mathematikern und Naturforschern gemacht. Insbesondere der Mathematiker und theoretische Physiker, der völlig in die Denkform einer messerscharfen deduktiven Logik eingelebt ist, steht der Wirklichkeit des Menschengemeinschaftslebens, die sich nicht im geringsten an solche Logik hält, oft völlig ratlos gegenüber. Das gilt sogar für eine noch viel weitläufigere Persönlichkeit wie Bertrand Russel – cum grano salis.“

„Die Entfaltung einer nationaljüdischen Bewegung“, fährt Prof. Hellpach dann fort, „habe ich vom ersten Augenblick an, da der Zionismus die Öffentlichkeit zu beschäftigen begann, ebenso wohl begriffen wie bedauert. Der Zionismus spiegelt in seiner Entwicklung genau die Entwicklungsläufigkeiten wider, die wir an jedem Nationalismus beobachten können. Jeder Nationalismus den wir kennen, beginnt schwärmerisch und endet oder ‚gipfelt‘ eiferisch, indem er sich vom Idealismus zum Fanatismus verengt. Der deutsche Nationalismus setzt mit Herder, Fichte, Arndt, Jahn ein und realisiert sich hundert Jahre danach in Treitschke, den Alldeutschen, dem Nationalsozialismus; die mittlere Brücke bilden Erscheinungen wie Richard Wagner, Paul de Lagarde, auch Gustav Freytag. Der Nationalismus teilt darin nur das Schicksal jeder ideellen Bewegung, wenn sie aus ihrem Elitestadium heraustritt und Massebewegung wird. Dann verflacht, verengt und verhärtet sie sich. – So wenig wie der alldeutsche und völkische Nationalismus etwa die Deutschen repräsentierte und so wenig wie die Franzosen hinter den Drummond, Maurras und Anhängern des gallischen Chauvinismus standen, so wenig repräsentiert der Zionismus in irgendeiner Phase seiner Ausbreitung etwa das Judentum. Auch heute denkt die überwiegende Mehrheit des Weltjudentums nicht daran, in Erez Israel leben zu wollen. Ich persönlich habe es besonders beklagt, dass im Zionismus ein historisches Etwas verleugnet wurde, worin ich eine der Missionen des in die Zerstörung getriebenen Judentums erblickte: das kosmopolitische Fühlen und Denken, das mir ein desto wichtigeres ‚Vitamin‘ der abendländischen Kultur zu seine schien, je mehr sich diese Kultur nationalistisch aufspaltete und zersplitterte. Nun wurden auch die durch geschichtliche Heimsuchung kosmopolitisch gewordenen Kinder Israels bearbeitet, nationalistisch zu werden wie die anderen Groß-, Klein- und Zwergvölker. Mich bedünkt das ein sehr empfindlicher Verlust an jüdischer Mission in der Welt.“

Brief an Staatsminister Prof. Dr. Hellpach

„Ich habe Ihren Artikel über den Zionismus und die Tagung in Zürich gelesen und fühlte das Bedürfnis, Ihnen, wenn auch nur kurz, zu antworten als einer, welcher der Idee des Zionismus sehr ergeben ist.

Die Juden sind eine Bluts- und Traditionsgemeinschaft, bei der die Religion keineswegs das einzig bindende ist. Dies beweist schon die Haltung der übrigen Menschen gegen die Juden. Als ich vor 15 Jahren nach Deutschland kam, entdeckte ich erst, dass ich Jude sei, und diese Entdeckung wurde mehr durch Nichtjuden als durch Juden vermittelt.

Die Tragik der Juden liegt darin, dass sie Menschen eines gewissen Entwicklungstypus sind, denen die Stütze einer sie verbindenden Gemeinschaft fehlt. Unsicherheit der Individuen, die sich bis zur moralischen Haltlosigkeit steigern kann, ist die Folge. Ich erkannte, dass eine Gesundung dieses Volkes nur möglich war dadurch, dass alle Juden der Erde zu einer lebendigen Gemeinschaft verbunden wurden, welcher der Einzelne freudig angehört und die ihm den Hass und die Zurücksetzung erträglich macht, die er von anderer Seite überall zu erdulden hat.

Ich sah die würdelose Mimikry wertvoller Juden, dass mir das Herz bei diesem Anblick blutete. Ich sah, wie Schule, Witzblätter und unzählige kulturelle Faktoren der nichtjüdischen Mehrheit das Selbstgefühl auch der Besten meiner Stammesgenossen untergruben, dass es so nicht weitergehen dürfe.

Da erkannte ich, dass nur ein gemeinsames Werk, das allen Juden der Welt am Herzen läge, dies Volk gesunden lassen konnte. Es war eine große Tat von Herzl, dass er erkannte und mit aller Energie darauf hinwies, dass bei der vorhandenen traditionellen Einstellung der Juden die Errichtung einer Heimstätte oder – sachlich richtiger ausgedrückt – Zentralstelle in Palästina das Werk war, auf das man die Kräfte konzentrieren konnte.

Sie nennen das alles Nationalismus – und nicht ganz mit Unrecht. Aber ein Gemeinschaftsstreben, ohne dass wir in dieser feindlichen Welt nicht leben und nicht sterben können, kann immer mit diesem hässlichen Namen bezeichnet werden. Jedenfalls ist es ein Nationalismus, der nicht nach Macht, sondern nach Würde und Gesundung strebt. Wenn wir nicht unter intoleranten und gewalttätigen Menschen leben müssten, wäre ich der erste, der jeden Nationalismus zu Gunsten des universalen Menschentums verwerfen würde!

Der Vorwurf, dass wir Juden keine ordentlichen Staatsbürger z. B. des deutschen Staates sein können, wenn wir eine „Nation“ sein wollen, entspricht einer Verkennung der Natur des Staates, der aus der Intoleranz der nationalen Mehrheit entspringt. Vor dieser Intoleranz werden wir nie geschützt sein, ob wir uns „Volk“ bzw. „Nation“ nennen oder nicht.

Dies habe ich alles, um kurz zu sein, so nackt und brutal hingeschrieben; aber ich kenne sie aus Ihren Schriften als einen, der nicht auf die Form, sondern auf den Sinn achtet.“

(2) Der Teufel im Gerichtssaal

„Als der stadtbekannte Mitbewohner der Berliner Kommune 1, Fritz T., im Moabiter Landgericht wegen Landfriedensbruch angeklagt war, demonstrierten vor dem Gericht Hunderte von Studiosi für seine Freilassung und ließen sich von den Wasserkanonen der Polizei tränken.

Eine Woche vorher, am 21. November 1967, war der Kriminalobermeister Karlheinz Kurras von der Anklage der fahrlässigen Tötung des Studenten Benno Ohnesorg freigesprochen worden, den er bei der Demonstration gegen den Schah Besuch am 2. Juni vor der Berliner Oper erschossen hatte.

Dem bärtigen T. wurde zur Last gelegt, dass er mehrfach ‚Notstandsübung!‘ gegen prügelnde Polizisten gerufen und einen Stein auf sie geworfen habe. Auch Widerstand gegen die Staatsgewalt wurde ihm vorgehalten, da er sich nicht freiwillig hatte festnehmen lassen.

Auf die Frage des Richters nach seinem Beruf antwortete er: ‚Ich würde sagen ich bin Kommunarde.‘

Als nach einer Verhandlungspause das Gericht wieder den Saal betrat, wurde Fritz T. aufgefordert, sich zu erheben. Das tat er mit den Worten: ‚Na ja – wenn es der Wahrheitsfindung dient.‘

Dieser Ausspruch machte ihn in der ganzen Republik berühmt. In den Knast ging er trotzdem.“

(1) Albert Einstein: Mein Weltbild, herausgegeben von Carl Seelig. Ullstein Taschenbuch 32. Auflage 2014; Europa Verlags AG Zürich S. 221, 222, 116, 117.

(2) Erasmus Schöfer: Kalendergeschichten des Rheinischen Widerstandsforschers; Verbrecher Verlag Berlin 2016 S. 37.

 

Einblicke in die Thematik vermitteln und die Diskussionsreihe leiten wird Ernst Knöß[1]. Die weiteren Termine werden rechtzeitig bekannt gegeben. Eingeladen sind alle Menschen guten Willens, die einen anregenden Sonntagmorgen genießen wollen.

Auskünfte zum Thema und zur Veranstaltung erteilt: Ernst Knöß, Schubertstraße 9, 64546 Mörfelden-Walldorf. Tel.: 06105-26578, E-mail: ernst.knoess@googlemail.com; Besuchen Sie auch unsere Webseite: www.naturfreunde-moerfelden-walldorf.de  


[1] Ernst Knöß (Diplomvolkswirt) geb. 1950 studierte Gesellschaftswissenschaften in Berlin (Schwerpunkt Philosophie). Volkswirtschaftslehre in Frankfurt am Main. Außerdem Studien in Kernchemie (TU-Darmstadt) und der Rechtswissenschaften in Frankfurt am Main.