Albert Einstein 23

Frühstücksrunde am Sonntagvormittag

Am Sonntag, den 02. Juli 2017 um 10:00 Uhr im Naturfreundehaus Mörfelden-Walldorf Seminarraum 1. Etage

„Als Reiseproviant erhält jeder einen Wasserwecken, etwas Käse und zwei Apfelsinen, dann startet die kleine Dakota von demselben Militärflughafen in Huntingdonshire, wo sie vor sechs Monaten gelandet waren. Reiseziel ist dieses Mal Bückeburg auf deutschem Boden.

Von dort werden die Physiker in einem Omnibus in das Dorf Alswede gebracht, wo in einem ausgeräumten ehemaligen Konfektionsgeschäft ein Quartier für alle vorbereitet worden ist. Noch am selben Abend wird der Geheimhaltungsbann aufgehoben, und Bagge kann in seinem Tagebuch nach 8 Monaten Gefangenschaft mitteilen, dass wir „ab 4. 1. 1946 auf der Straße frei herumlaufen können“. Der Eigentümer des Konfektionshauses, der auf Befehl die Räume für die Farm-Haller freimachen musste, ist soweit hilfsbereit. Er weiß, dass die Physiker für diese Anordnung nichts können. Aber Otto Hahn muss zum ersten Mal erleben, dass ihm Misstrauen entgegenschlägt, gegen das er sich nicht zu wehren weiß. In England konnte er noch vor wenigen Wochen lesen, dass er den Nobelpreis dafür erhalten habe, dass er Hitler das Atomgeheimnis nicht verraten hatte. Nun steht in Deutschland für überraschend viele außer Frage, dass die Wissenschaftler die Geheimnisse der Atombombe an die Amerikaner verraten haben und dass das Preisgeld für den Nobelpreisträger nichts anderes als der Lohn für diese schändliche Tat ist.

Harteck kehrt Ende Januar in sein Hamburger Institut zurück. Diebner wird in Hamburg ein privates Institut für Messgeräte aufbauen. Gerlach erhält eine Gastprofessur in Bonn. Hahn und Heisenberg übersiedeln Mitte Februar nach Göttingen, denn die Engländer wollen die Kaiser-Wilhelm-Institute wiederaufbauen. Sie treffen dort den 88-jährigen Max Planck an, der bei seiner Nichte untergekommen ist. Der Kreis schließt sich. Die verbleibenden fünf, Laue, Bagge, Weizsäcker, Wirtz und Korsching ziehen ebenfalls wenig später nach Göttingen um, da ein neues Kaiser-Wilhelm-Institut in der ehemaligen Aerodynamischen Versuchsanstalt aufgebaut werden soll. Der letzte Eintrag Bagges lautet: „12. März 1946. Rückkehr von Alswede nach Göttingen. Ende einer ungewöhnlichen Gefangenschaft.“

Was danach geschah

Otto Hahn wird als Nachfolger von Max Planck Präsident der Nachfolgeorganisation der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, die sich auf Druck der Engländer nun Max-Planck-Gesellschaft nennt, und hat das Amt von 1946 bis 1960 inne. Aufforderungen, als Bundespräsident zu kandidieren, lehnt der unprätentiöse Hahn ab. Wie alle Farm-Haller - bis auf Bagge, Harteck und Diebner, die entweder nicht angefragt werden oder nicht erreichbar sind - unterschreibt er 1957 den Göttinger Appell zur Ächtung der Atomwaffen, stellt aber, wie alle anderen auch, den segensreichen Nutzen der Kernenergie nicht in Frage.

Max von Laue nimmt zunächst wieder seine alte Stellung als Institutsdirektor ein, bevor er mit 72 Direktor des Fritz-Haber-Instituts der Max-Planck-Gesellschaft in Berlin wird.

Paul Harteck nimmt im Januar 1946 den Dienst im Institut für Physikalische Chemie auf. Max von der Laue trägt ihm 1947 eines der höchsten zu vergebenden Ämter an. Er soll Präsident der Physikalisch-Technischen-Reichsanstalt (PTR) werden, aber der hidden champion des Uranprojekts lehnt dieses Amt wie auch weitere Berufungen nach München, Göttingen und Mainz ab. Er fühlt sich zunächst dem Aufbau seiner alten Hamburger Universität verpflichtet, wird Dekan und 1948 zum Rektor gewählt. Außerdem kann er sich hier endlich wieder seiner lebenslangen Leidenschaft für das Klavierspiel widmen und sich bei dem Hamburger Pianisten Ewald Martens weiterbilden, wo er seine künftige Frau Marcella kennenlernt, die er 1947 heiratet. 1950 lädt ihn der Direktor des Rensselaer Polytechnic Institute in Troy im Staat New York zu Vorträgen ein, und Harteck hat die Gelegenheit, amerikanische Forschungsstätten zu besuchen. Ein Jahr darauf gibt der amtierende Rektor sein Amt auf, um Professor in Troy zu werden und eine sehr produktive, vielfach ausgezeichnete Nachkriegskarriere in den USA zu beginnen.

Erich Bagge wird nach der Rückkehr wieder Assistent bei Heisenberg, jetzt im Nachfolgeinstitut des alten Berliner Kaiser-Wilhelm-Instituts, dem Göttinger Max-Planck-Institut für Physik. 1948 erhält er einen Ruf als Professor für Physik an die Universität Hamburg, wo er sich seinem alten Gebiet, der kosmischen Ultrastrahlung, widmet. 1956 wird er technischer Geschäftsführer der „Gesellschaft für Kernenergieverwertung in Schiffbau und Schifffahrt“ in Hamburg, die sich auch mit der Konstruktion von Kernreaktoren beschäftigt; ein Jahr später wird er Direktor des Instituts für reine und angewandte Kernphysik in Kiel. Auf seine Initiative geht der Atomforschungsreaktor in Geesthacht zurück. Neben Diebner ist er Herausgeber der Zeitschrift „Kernenergie“.

Kurt Diebner gründet nach seiner Rückkehr 1946 ein privates Institut für die Entwicklung elektronischer Messgeräte und wird zwei Jahre später Leiter und Mitinhaber der Durag-Apparatebau GmbH in Hamburg, die den „Dimmer“-Schalter entwickelt und mit großem Erfolg auf den Markt bringt. Er ist federführend an der Gründung der „Gesellschaft für Kernenergieverwertung in Schiffbau und Schifffahrt“ beteiligt, als deren stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender er fungiert. Außerdem wird er Vorstand der Studiengesellschaft zur Förderung der Kernenergieverwertung in Schiffbau und Schifffahrt e. V. Ab 1957 ist er Dozent an der staatlichen Schiffsingenieurschule in Flensburg.

Sowohl Bagge wie Diebner setzen sich für die Erprobung eines Atomreaktors für den Schiffsbetrieb ein. Im Oktober 1967 findet die Jungfernfahrt des ersten Nuklearschiffs mit der Bezeichnung NS „Otto Hahn“ statt. Das 16.870 BRT große Schiff, das über ein Abklingbecken an Bord verfügt, findet allerdings kaum einen Hafen, wo es willkommen ist. Die Verwendung als Erzfrachter erweist sich als Fehlschlag. Wenig später holt die Anti-Atomkraftbewegung das erste und einzige deutsche Atomschiff ein, das als verlustbringender Werbeträger der Atomwirtschaft kritisiert wird. 1979 wird die „Otto Hahn“ stillgelegt.

Carl Friedrich von Weizsäcker leitet nach Farm Hall die theoretische Abteilung des Max-Planck-Instituts für Physik in Göttingen und beginnt 1957 einen neuen Lebensabschnitt als Professor für Philosophie in Hamburg. 1970 wird er neben Jürgen Habermas Direktor des auf ihn zugeschnittenen Max-Planck-Instituts zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt in Starnberg, das nach seiner Emeritierung 1980 nicht mehr weitergeführt wird.

Karl Wirtz beteiligt sich zunächst am Aufbau des Heisenberg‘schen Instituts in Göttingen, übernimmt auch eine Professur an der dortigen Universität und nimmt ab 1957 als Direktor des neu gegründeten Instituts für Neutronenphysik eine führende Stellung in der Kernenergietechnik der Bundesrepublik ein.

Horst Korsching wird bis zu seiner Pensionierung wieder Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Physik.

Walter Gerlach nimmt ab 1948 wieder seine alte Position als Professor für Experimentalphysik und Direktor des Physikalischen Instituts der Ludwig-Maximilian-Universität München ein, deren Rektor er von 1948 bis 1951 ist. Nach seiner Emeritierung 1957 veröffentlicht er eine umfassende Studie zu Johannes Kepler.

Werner Heisenberg wird Direktor des Max-Planck-Instituts für Physik in Göttingen, bis ihn 1958 der Umzug des Instituts nach München nach vielen Umwegen endlich wieder in seine Heimatstadt bringt. Er ist darum bemüht, Verständnis für die Lage deutscher Wissenschaftler während der NS-Zeit zu wecken, und wirbt um Versöhnung. Dass dies nur schwer gelingt, belegen die erbitterten Kontroversen mit Samuel Gousmit in der New York Times. Zu den Kollegen, die versuchen, Deutschland wieder ins Spiel zu bringen, zählt Victor Weisskopf, einer der führenden Theoretiker bei der Konzeption der Hiroshima-Bombe und einer der Doktoranden Heisenbergs. Er hat noch den jugendlichen, arglosen, vor Genialität sprühenden Heisenberg erlebt. Als Weisskopf, inzwischen Generaldirektor des CERN in Genf, Heisenberg zum ersten Mal wieder begegnet, zuckt er zurück. Heisenberg ist auffallend verändert. Zehn Jahre haben sie sich nicht mehr gesehen, aber diese Veränderung kann nicht nur auf das Alter zurückzuführen sein. Für ihn schleppt Heisenberg sichtbarlich eine Last mit sich herum. Unwillkürlich muss Weisskopf an Oscar Wildes „Bildnis des Dorian Gray“ denken, als er in sein „von jenen unheilvollen Jahren gezeichnetes Gesicht blickt“.“

Richard von Schirach „Die Nacht der Physiker, Heisenberg, Hahn, Weizsäcker und die deutsche Bombe“; Rowohlt Taschenbuch Verlag Reinbeck bei Hamburg, August 2014 (rororo); Copyright 2012 Berenberg Verlag S. 226 bis 230.

Einblicke in die Thematik vermitteln und die Diskussionsreihe leiten wird Ernst Knöß[1]. Die weiteren Termine werden rechtzeitig bekannt gegeben. Eingeladen sind alle Menschen guten Willens, die einen anregenden Sonntagmorgen genießen wollen.

Auskünfte zum Thema und zur Veranstaltung erteilt: Ernst Knöß, Schubertstraße 9, 64546 Mörfelden-Walldorf. Tel.: 06105-26578, E-mail: ernst.knoess@googlemail.com; Besuchen Sie auch unsere Webseite: www.naturfreunde-moerfelden-walldorf.de  


[1] Ernst Knöß (Diplomvolkswirt) geb. 1950 studierte Gesellschaftswissenschaften in Berlin (Schwerpunkt Philosophie). Volkswirtschaftslehre in Frankfurt am Main. Außerdem Studien in Kernchemie (TU-Darmstadt) und der Rechtswissenschaften in Frankfurt am Main.