Albert Einstein 21

Frühstücksrunde am Sonntagvormittag

Am Sonntag, den 14. Mai 2017 um 10:00 Uhr im Naturfreundehaus Mörfelden-Walldorf Seminarraum 1. Etage

„Ich beende dieses Kapitel mit einer perfekten Demonstration eines Priming-Effekts, die in der Bürokratie einer britischen Universität stattfand. Viele Jahre lang hatten Mitglieder dieses Büros den Tee oder Kaffee bezahlt, den sie sich während des Tages genommen hatten, indem sie Münzen in eine „Vertrauenskasse“ warfen. Eine Liste mit Preisvorschlägen war ausgehängt. Eines Tages wurde ohne Vorwarnung oder Erklärung ein Poster über der Preisliste zur Schau gestellt. Zehn Wochen lang wurde jede Woche ein neues Bild gezeigt – entweder Blumen oder Augen, die den Betrachter direkt anzublicken schienen. Niemand sagte etwas zu dem neuen Wandschmuck, aber die Beiträge zur Vertrauenskasse veränderten sich deutlich. Die Poster und die Geldbeträge, die in die Sparbüchse geworfen wurden (im Verhältnis zu der verbrauchten Menge), sind in Abbildung 4 gezeigt. Sie verdienen eine genauere Betrachtung.

In der ersten Woche des Experiments starren zwei weit aufgerissene Augen die Kaffee- oder Teetrinker an, die durchschnittlich 70 Pence pro Liter Milch bezahlten. In der zweiten Woche zeigt das Poster Blumen, und die durchschnittlichen Beiträge fallen auf etwa 15 Pence. Der Trend hält an. Im Durchschnitt zahlen die Benutzer der Kaffeeküche in den „Augenwochen“ fast dreimal so viel wie in den „Blumenwochen“. Eine rein symbolische Mahnung daran, unter Beobachtung zu stehen veranlasste die Konsumenten offensichtlich dazu, sich „besser“ zu benehmen. Wie wir es mittlerweile erwarten würden, tritt dieser Effekt ein, ohne dass es den Betreffenden auch nur ansatzweise bewusst wäre. Glauben Sie jetzt, dass Sie in das gleiche Muster verfallen würden?

Vor einigen Jahren schrieb der Psychologe Timothy Wilson ein Buch mit dem aufrüttelnden Originaltitel Strangers to ourselves (Uns selbst fremd). Sie wurden jetzt mit diesem Fremden in Ihnen bekannt gemacht, der einen Großteil dessen kontrollieren mag, was Sie tun, auch wenn Sie dies nur selten erahnen. System I liefert die Eindrücke, die oftmals zu unseren Überzeugungen werden, und es ist die Quelle der Impulse, die häufig unsere Entscheidungen und Handlungen bestimmen. Es stellt eine implizite Interpretation dessen bereit, was uns widerfährt und was um uns herum geschieht, wobei es die Gegenwart mit der jüngsten Vergangenheit und mit den Erwartungen über die nahe Zukunft verknüpft. Es enthält das Weltmodell, das Ereignisse sofort als normal oder überraschend bewertet. Es ist die Quelle unserer raschen und oftmals präzisen intuitiven Urteile. Und das meiste davon tut es, ohne dass wir uns seiner Aktivitäten bewusst wären. Wie wir in den folgenden Kapiteln sehen werden, ist System I auch der Ursprung vieler der systematischen Fehler in unseren Intuitionen.“

Zahlreiche Psychologen haben in den letzten 25 Jahren die Unterschiede zwischen schnellem und langsamem Denken erforscht. Aus Gründen, die ich im nächsten Kapitel ausführlicher darlege, beschreibe ich mentale Prozesse mit der Metapher von zwei Agenten, System I und System II genannt, die jeweils schnelles und langsames Denken erzeugen. Ich spreche von den Merkmalen intuitiven und bewussten Denkens, als handele es sich um Merkmale und Dispositionen von zwei Figuren in unserem Geist. Die jüngsten Forschungen deuten darauf hin, dass das intuitive System I einflussreicher ist, als dies nach unserem subjektiven erleben der Fall zu sein scheint, und es ist der geheime Urheber vieler Entscheidungen und Urteile, die wir treffen. Den Schwerpunkt dieses Buches bilden die Funktionsmechanismen von System I und die wechselseitigen Einflüsse zwischen System I und System II.

Daniel Kahnemann Schnelles Denken, langsames Denken. Siedlerverlag München 2012. S. 78-79 u. S. 25.

Einblicke in die Thematik vermitteln und die Diskussionsreihe leiten wird Ernst Knöß[1]. Die weiteren Termine werden rechtzeitig bekannt gegeben. Eingeladen sind alle Menschen guten Willens, die einen anregenden Sonntagmorgen genießen wollen.

Auskünfte zum Thema und zur Veranstaltung erteilt: Ernst Knöß, Schubertstraße 9, 64546 Mörfelden-Walldorf. Tel.: 06105-26578, E-mail: ernst.knoess@googlemail.com; Besuchen Sie auch unsere Webseite: www.naturfreunde-moerfelden-walldorf.de  


[1] Ernst Knöß (Diplomvolkswirt) geb. 1950 studierte Gesellschaftswissenschaften in Berlin (Schwerpunkt Philosophie). Volkswirtschaftslehre in Frankfurt am Main. Außerdem Studien in Kernchemie (TU-Darmstadt) und der Rechtswissenschaften in Frankfurt am Main.